Besuchen Sie ZEIT WISSEN auf Facebook English Version
© Natalie Bothur
Essbare Stadt Andernach: Mehr als Sattwerden

Wie gesund ist die essbare Stadt?

Via ZEIT WISSEN • Elisabeth Pörnbacher • 20.10.2016

Vor sechs Jahren hatten die Gartenbauingenieurin Heike Boomgaarden und der Geoökologe Lutz Kosack eine Idee, die Andernach verändern sollte: Gemüsebeete mitten in der Stadt, Obstbäume am Stadtgraben, Hühner und Schafe auf der Wiese. Verschiedenste alte und neue Gemüse- und Obstsorten sollten im Stadtgebiet wachsen, die jeder pflücken und essen darf. Hier sollte ein Ort der Begegnung entstehen, wo Menschen nebeneinander in der Erde wühlen, säen, pflanzen, ernten und Kochrezepte austauschen. Dafür erhielt Andernach im Jahr 2014 den ZEIT WISSEN-Preis Mut zur Nachhaltigkeit. Seitdem hat sich gezeigt: Es geht um mehr als ums Sattwerden.

 

In New York warfen Menschen in den 70er Jahren Kugeln aus Erde, Ton und Samen auf vernachlässigte Grünflächen, damit dort Pflanzen wachsen. Das war illegal, weshalb damals von Guerilla Gardening die Rede war. Heute spricht man von Urban Gardening, und Städte wie Andernach fördern die Graswurzelbewegung. Das Problem: Gärten brauchen Platz – genauso wie Menschen. Und so werden oft als erstes die Gärten geopfert, wenn eine Stadt mehr Wohnungen braucht. »Die Stadt schmückt sich zwar gern mit alternativen Projekten, doch jede freie Fläche wird bebaut«, sagt Kathrin Specht vom Institut für Sozioökonomie am Leibniz-Zentrum für Agrarlandsforschung. Ein weiteres Problem sind die Schadstoffe. In Großstädten gibt es viel Verkehr, und die Abgase belasten den Boden und auch das Gemüse. Die Stadtökologin Ina Säumel von der Technischen Universität Berlin hat herausgefunden: Gibt es eine Barriere (zum Beispiel eine Hecke) zwischen Beet und Straße, überschreiten 37 Prozent der Gemüseproben die EU-Grenzwerte für Blei. Gibt es keine Barriere und liegt das Beet zehn Meter entfernt, sind die Werte ähnlich. Liegt das Beet weniger als zehn Meter von der Straße entfernt, überschreiten sogar zwei Drittel der Gemüseproben den Höchstwert. Will das noch jemand essen?

 

Sicher, einen Teil der Schadstoffe kann man abwaschen, und sollten eines Tages nur noch Elektroautos durch die Straßen fahren, wäre auch das Gemüse weniger stark belastet. In Kleinstädten wie Andernach ist die Belastung ebenfalls geringer. Befürworter des Urban Gardening betonen allerdings, dass es nicht nur ums Essen geht. In Andernach zeigt der Gärtnermeister Gerhard Eberlein Langzeitarbeitslosen, wie sie sich um Gemüsebeete kümmern, Sträucher schneiden, Rasen mähen, Pflanzen setzen, die Beete sauber halten. Die gemeinnützige Gesellschaft »Perspektive«, für die Eberlein arbeitet, möchte den Menschen auf diese Weise helfen, wieder ins Berufsleben einzusteigen. »Die Menschen brauchen nicht bloß ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen«, sagt Eberlein, »sie brauchen eine Aufgabe«.

© Natalie Bothur

Wir können die Welt positiv verändern, indem wir etwas pflanzen.

Heike Boomgaarden

Heike Boomgaarden und Lutz Kosack machen heute Führungen durch die Stadt und halten Vorträge in aller Welt. »200 Städte in Europa wollen essbar werden, 21 davon in Deutschland«, sagt Boomgaarden. Ende August war sogar eine Delegation aus Kenia zu Gast. Und im Dezember möchte Boomgaarden nach Kenia reisen und den Menschen vor Ort helfen, Gärten aufzubauen, wo vorher Müll war.

 

Bild des Benutzers ZNadmin
von
ZNadmin
https://www.youtube.com/watch?v=CSI3ckG5Y9g