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© Phil Dera
Vom Wissen und Handeln

Mutmacher gesucht

Via DIE ZEIT • Carola Hoffmeister • 12.03.2014

Vom Plünderer der Welt zu ihrem Architekten: Bereits zum zweiten Mal vergeben ZEIT WISSEN und die Bildungsinitiative »Mut zur Nachhaltigkeit« im Rahmen einer Konferenz einen Preis. Die Auszeichnung wird in den Kategorien Wissen und Handeln verliehen und würdigt Pioniere im Bereich nachhaltiger Entwicklung.

»Es lohnt sich«, sagt Klaus Wiegandt voller Zuversicht zu den 400 Teilnehmern der Konferenz »Mut zur Nachhaltigkeit« und meint damit sowohl die Entscheidung für ein klimabewusstes Leben als auch die Veranstaltung, deren Gastgeber er bereits zum zweiten Mal ist. Der ehemalige Spitzenmanager hat zusammen mit ZEIT WISSEN an diesem 27. Februar in das Emporio Hochhaus in der Hamburger Innenstadt eingeladen.

Im vergangenen Jahr hatte Wiegandt als Vorsitzender der Bildungsinitiative »Mut zur Nachhaltigkeit« zusammen mit dem Magazin ZEIT WISSEN erstmals einen Preis ausgelobt. In den Kategorien Wissen und Handeln werden seitdem Menschen geehrt, denen es gelingt, besonders nachhaltige Ideen zu vermitteln oder in die Tat umzusetzen. 2013 ging die Auszeichnung an den Unternehmer Heini Staudinger, der mit einer kleinen Schuhfabrik in einer ländlichen Gegend Österreichs Arbeitsplätze schafft. Außerdem wurde die Leuphana Universität Lüneburg für ihr umfassendes Nachhaltigkeitskonzept in Praxis und Lehre gewürdigt. Es sind solche Projekte und Pioniere des Alltags, die Klaus Wiegandt zuversichtlich stimmen. »Bürger-Energiegenossenschaften schießen wie Pilze aus dem Boden, genauso wie Tausch-Läden und Repair-Cafés. Die Gemeinschaftsgarten-Bewegung hat dazu geführt, dass heute weltweit etwa 800 Millionen Menschen in der Stadt Nahrungsmittel anbauen«, stellt Wiegandt in seinem einleitenden Vortrag fest. »Das kann für jeden Menschen Anregung sein, wie man Verantwortung sofort und jeden Tag lebt.«

Wir sollten den Planeten so hinterlassen, wie wir ihn selbst gerne vorfinden würden

Rainer Esser

Wiegand selbst lebt diese Verantwortung schon lange. Mit 60 Jahren ging der damalige Vorstandssprecher des Handelskonzerns Metro in den Ruhestand und gründete die Stiftung »Forum für Verantwortung«, die Wissenschaftler aus aller Welt vernetzt. Durch Seminare in der Europäischen Akademie Otzenhausen oder Publikationsreihen informiert die Bildungsinitiative über Themen wie den ökologischen Umbau der Gesellschaft, Wege aus der Wachstumsgesellschaft oder die Bedeutung der Artenvielfalt. Wiegandt motivieren auch private Gründe, sich mit nachhaltigen Zukunftsvisionen zu beschäftigen. »Seit zweieinhalb Jahren bin ich Großvater. Für meine Enkel will ich eine Welt hinterlassen, in der sie gut leben können«, sagt der 75-Jährige.

Wir haben nur einen Planeten. Wie schützen wir das, was allen gehört? Diese Frage stellte Klaus Wiegandt (rechts) von der Initiative »Mut zur Nachhaltigkeit« in den Mittelpunkt der Veranstaltung. Er hatte deshalb Dirk Messner vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik eingeladen: Der Wissenschaftler sprach über die Ethik der Global Commons, der Gemeinschaftsgüter wie Ozeane, Atmosphäre, Ökosysteme. »Nach der Befreiung der Menschheit von den Zwängen der Natur geht es nun um die Akzeptanz der Grenzen des Erdsystems«, sagte er.
 

Auch Dirk Messner hat kommende Generationen im Blick, allerdings denkt er in den gigantischen Zeitdimensionen von 4,5 Milliarden Jahren Erdgeschichte. Der Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik spricht über die Ethik der Global Commons, der globalen Gemeinschaftsgüter wie Ozeane, Atmosphäre und Ökosysteme. Der Ko-Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats für globale Umweltveränderungen (WBGU) agiert mit raschen Gesten und ganz ohne Skript, er »rockt die Bühne«, wie es Inka Schneider formuliert.

Nachdem sie Messner angekündigt hat, eröffnet der gefragte Referent seinen Vortrag mit der Frage: »Gelingt der Menschheit ein dritter Zivilisationsschub?« Er führt aus: Nach dem ersten Zivilisationsschub vor 10.000 Jahren, dem Übergang von Jägern und Sammlern zu Bauern, sowie der industriellen Revolution als zweitem Zivilisationsschub seien wir Menschen nun zum ersten Mal die stärkste geologische Kraft im Erdsystem. »Wenn wir von dieser Tatsache ausgehen, brauchen wir ein neues Weltbild«, erklärt Messner. Doch Weltbilder zu verändern sei schwer, fügt der Wissenschaftler hinzu. Das habe man schon bei Kopernikus oder Darwin gesehen. Das neue Weltbild hat der Nobelpreisträger und Entdecker des Ozonlochs, Paul Crutzen, als Anthropozän, das Menschen-Zeitalter, beschrieben. Es folgt Crutzen zufolge auf das Holozän, das Erdzeitalter. In dieser Ära des Menschen, fährt Messner fort, habe es der Homo sapiens in der Hand, ob er den Planeten durch Treibhausgase weiter aufheize, die Pole zum Schmelzen bringe und den Amazonas in eine Wüste verwandele – oder ob er Global Commons wie das Erdsystem schütze. Die Antwort scheint so klar wie herausfordernd: »Wir müssen vom Plünderer zum Architekten der Welt werden und akzeptieren, dass das Erdsystem Grenzen hat, die wir nicht überschreiten dürfen. Für eine Wirtschaft, die in Wachstumskategorien denkt, ist das natürlich hartes Brot.«

Unsere Lebensbedingungen verändern wir nur durch Tun, nicht durch Nichtstun

Franz Fehrenbach

Als Wirtschaftsingenieur und Vorsitzender des Aufsichtsrats der Robert Bosch GmbH glaubt Franz Fehrenbach an die Macht des Wachstums: »Gerade weil wir in einer Gesellschaft des Verzichts nicht leben wollen, streben wir Innovationen für den Umwelt- und Klimaschutz an«, stellt der 64-Jährige in seinem Impulsvortrag klar. Doch genau wie der Wissenschaftler Messner problematisiert der Manager Fehrenbach die Frage, ob es gelingen kann, den Kohlendioxid-Ausstoß schnell und stark genug zu reduzieren. Fehrenbach gibt sich optimistisch: »Wir wollen Verantwortung nicht bloß übernehmen, wir wollen sie unternehmen! « Aber was genau kann ein Unternehmer ausrichten, »der nach dem Klischee der Gewinnoptimierung doch der Prototyp des rationalen Egoisten sein müsste«? Fehrenbach hat Wirtschaftlichkeit mit Ökologie verbunden und wurde 2006 zum Ökomanager und 2011 zum Greentech-Manager gewählt. Beide Preise erhalten Unternehmer, die das Wachstum grüner Technologien überdurchschnittlich erfolgreich vorantreiben. Bosch konnte, so Fehrenbach, den Verbrauch der Diesel- und Benzinmotoren gegenüber 2012 um 20 Prozent senken und die Arbeit an der Elektrifizierung des Antriebs ausbauen. Auch hat Bosch Kühlschränke entwickelt, die drei Viertel weniger Strom verbrauchen als ihre Vorgänger vor 15 Jahren. Ein Fortschritt, wenn man bedenkt, dass Gebäude – auch wegen der elektrischen Geräte in ihrem Innern – 40 Prozent der weltweiten Primärenergie verbrauchen. Zum Vergleich: Auf das Konto von Verkehr und Transport gehen dagegen 28 Prozent der weltweiten Primärquellen.

Boris Palmer, Oberbürgermeister der Stadt Tübingen, hat sich ein ehrgeiziges Ziel auf die Fahnen geschrieben: Er will die CO2-Emissionen in der baden-württembergischen Universitätsstadt bis 2020 um 70 Prozent reduzieren. »Ein Druckfehler?«, fragt verblüfft Andreas Sentker, ZEIT WISSEN-Herausgeber und Mit-Initiator des Nachhaltigkeitspreises, seinen Gast auf dem Podium. Dort stehen neben Boris Palmer und Franz Fehrenbach auch der Architekt Friedrich von Borries, die Umweltpsychologin Lenelis Kruse-Graumann, Juliane Kronen als Gründerin der Sachspenden-Plattform innatura sowie der Professor für Transformationsdesign Harald Welzer. Boris Palmer schüttelt den Kopf, er meint es ernst mit der CO2-Reduktion um 70 Prozent.

Jetzt sind wir bei etwas über sechs Tonnen pro Person und müssen uns in unseren Anstrengungen steigern. Aber ein Anfang ist gemacht

Boris Palmer

Um das Ziel zu erreichen, hat der 41-Jährige kurz nach seinem Amtsantritt die Klimaschutz-Kampagne »Tübingen macht blau« ins Leben gerufen. Die blaue Farbe steht etwa für den Blauen Engel, der umweltfreundliche Produkte kennzeichnet, oder für die in der Sonne blau schimmernde Oberfläche von Fotovoltaikanlagen. Den Einwohnern Tübingens, es sind um die 90.000, steht dank der Klima-Kampagne ein breites Angebot an energiebewussten Maßnahmen zur Verfügung. Sie können Kurse an Fahrschulen besuchen, in denen sie lernen, spritsparend zu fahren. Oder sie nutzen eines der 90 Autos, die nach dem Carsharing-Prinzip in der Innenstadt bereitstehen. Palmer selbst verzichtet auf einen Dienstwagen und nutzt stattdessen ein E-Bike. Das 45 Stundenkilometer schnelle Fahrrad wird von einem Elektromotor angetrieben: »Damit rauschen Sie am Berg im wehenden Anzug den 20-jährigen Studentinnen davon – das macht richtig Spaß! Das wahre Cabrio-Feeling liefert eben das Fahrrad!«, schwärmt Palmer und fügt hinzu: »Viel besseres Stadtleben lässt sich mit viel weniger CO2-Ausstoß kombinieren.« Palmer genießt die Vorzüge des selbst gewählten und nicht mehr als solchen empfundenen Verzichts.

Juliane Kronen hingegen verwaltet den Überfluss der Wegwerfgesellschaft. »Man könnte ihr Plädoyer mit ›Mehr Engagement‹ umschreiben«, stellt Andreas Sentker die Podiumsteilnehmerin vor, die 16 Jahre lang bei der Unternehmensberatung Boston Consulting gearbeitet hat. Vor einem Jahr hat Kronen die gemeinnützige Sachspenden-Plattform innatura gegründet. »Ein Bekannter fragte, ob ich wisse, was man mit den 200.000 Flaschen Shampoo machen könne, die auf seinem Hof stehen. Durch einen Produktionsfehler gab es ein durchsichtiges Etikett mit gelber, unleserlicher Schrift. Die Ware war dadurch unbrauchbar für den Handel.« Ein Abnehmer wurde gesucht, die einzige Bedingung war, dass die Flaschen sofort abgeholt würden und nicht auf dem Schwarzmarkt landen. Kronen kam ins Grübeln: Wie oft kamen solche Fehlproduktionen vor – und wie selten fand sich wohl ein Abnehmer? »Ich habe mit Kollegen recherchiert, und wir haben ermittelt, dass in Deutschland Konsumgüter mit einem Marktwert von mindestens sieben Milliarden Euro jährlich vernichtet werden. Dabei sind Güter im Wert von zwei Milliarden komplett neuwertig.« Kronens Organisation innatura sammelt nun beispielsweise Baumaterial, Bürobedarf oder Spielzeug, lagert die Produkte in einer Halle und verteilt sie anschließend an gemeinnützige Organisationen. Anregungen konnte sich die Gründerin bei dem britischen Thronfolger und heutigen innatura-Schirmherren Prinz Charles holen. Der Prince of Wales hatte vor etwa 17 Jahren die Wohltätigkeitsplattform »In Kind Direct« ins Leben gerufen. »Unsere erste Spende waren zwei Lasterladungen Babywindeln. Prinz Charles war damals Großvater geworden, und wir haben ihm ein Paket Windeln aus der ersten Palette geschickt«, erinnert sich Kronen.

Ernstes Thema, gute Stimmung: Auf dem Podium diskutierten die Konferenzteilnehmer darüber, unter welchen Vorzeichen eine nachhaltige Gesellschaft funktionieren könnte. Moderiert von Andreas Sentker (ganz links), lieferten Franz Fehrenbach, Friedrich von Borries, Juliane Kronen, Boris Palmer, Lenelis Kruse-Graumann und Harald Welzer (von links) Impulse für die Debatte.
 

Nicht nur die Geschäftsführerin aus Köln, sondern auch Friedrich von Borries möchte aus dem Überfluss heraus Nachhaltigkeit erzeugen. Borries ist Professor an der Hochschule für bildende Künste Hamburg und Kurator der Berliner Weltverbesserungsmaschine, einer Kunst-Installation, die die Idee aus dem 17. Jahrhundert aufgreift, es gäbe eine Maschine, die die Welt verbessert. Er glaubt, dass der Luxus der Fülle nicht zwangsläufig ressourcenschädigend sein müsse: »Wir würden von keinem Künstler erwarten, dass er effizient und nachhaltig arbeitet. Man würde auch von keinem Musikstück erwarten, dass es rational und CO2-neutral hergestellt ist«, stellt Borries fest. »Die Schwierigkeit mit der Debatte ist: Ein auf Ökonomie ausgerichtetes Gesellschaftssystem schafft Probleme, die es wieder mit denselben Denkweisen zu beheben versucht.« Borries macht sich für die Kreativen der Gesellschaft stark. »Wir brauchen die Künstler mit ihrem schrägen, fantastischen Denken, mit ihrer Lust an Verschwendung von Dingen, die wir im Überfluss haben wie Zeit und Leidenschaft. Im Gegensatz zu den Ressourcen, mit denen wir tatsächlich haushalten müssen.«

Harald Welzer, Mitbegründer der gemeinnützigen Stiftung Futurzwei, auf deren Internetseite Geschichten über neue Wege nachhaltigen Handelns zu finden sind, ist überzeugt, dass ein von außen verordneter Verzicht kein Motor für Veränderung sein kann.

Wir leben in einer Gesellschaft, die strukturell auf Nicht-Nachhaltigkeit ausgerichtet ist. Insofern haben wir mit der ganzen Nachhaltigkeitsdebatte eine Art Schluckimpfung- Problematik: Niemand mag Schluckimpfungen.

Harald Welzer

Welzer schlägt vor, die Gesellschaft besser zu gestalten. »Und zwar nicht mit einem Zukunftsargument, sondern mit einem Gegenwartsargument. Denn vieles, was heute nicht nachhaltig ist, hat auch keine gute Lebensqualität.« Als Beispielfall nennt Welzer den Magen-Darm-Virus, der 2012 rund 11.000 Menschen in Ostdeutschland infizierte. Die Lebensmittelfahnder erkannten in tiefgekühlten Erdbeeren aus China die Ursache für den Brechdurchfall. »Wenn tiefgekühlte Erdbeeren aus China in Deutschland gar nicht möglich wären, hätten wir mehr erreicht als mit Büchern, die auf das Jahr 2100 und auf erschreckende Klimaszenarien verweisen.«

»Wir brauchen tatsächlich Pioniere, die Nachhaltigkeit vorantreiben«, fordert auch Lenelis Kruse- Graumann, Professorin für Sozial- und Umweltpsychologie an der Fernuniversität Hagen. Genau solche Pioniere haben die Leser von ZEIT WISSEN und die Jury für den Nachhaltigkeitspreis 2014 vorgeschlagen. Niko Paech war bereits im vergangenen Jahr unter den Nominierten, nun erhält er den Preis in der Kategorie Wissen. »Ich kann zu dieser Wahl nur gratulieren«, sagt Paechs Laudator Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie. »Denn sie ist eine Bestätigung für Niko Paech, seine alternative Ökonomie weiterzuentwickeln. Vor allem aber gilt es, die Kraft des Entwurfs in einem alles andere als unterstützenden wissenschaftlichen Establishment zu fördern.«

Niko Paech engagiert sich in diversen Institutionen wie der Ökobank, dem Kompetenzzentrum Bauen und Energie sowie der Naturschutzorganisation BUND. Sein ganzes Leben beweist, dass er mehr als nur ein kluger Theoretiker ist.
 

Er besitzt kein Handy, keinen Fernseher, kein Auto, kein Haus. Um seine CO2-Bilanz so wenig wie möglich zu belasten, reist Niko Paech zu Tagungen ausschließlich mit der Bahn. Der Professor für Produktion und Umwelt an der Universität Oldenburg ist zutiefst überzeugt: Einzig durch Verzicht würden Ressourcen geschont. Ein Wirtschaftswachstum, das wirklich grün wäre, sei dagegen in etwa so wahrscheinlich wie ein Wunder. »Postwachstumsökonomie« nennt der 53-Jährige sein Konzept und definiert damit ein Wirtschaftssystem, das ohne Erhöhung des Bruttoinlandsprodukts auskommt. Die Befreiung vom Überfluss mache den Menschen zudem glücklicher. So fordert der Professor und leidenschaftliche Saxofonist die 20-Stunden-Arbeitswoche und dadurch mehr Zeit für den Eigenanbau von Obst und Gemüse. Außerdem müsse es einen weitgehenden Rückbau von Autobahnen und Flughäfen geben sowie Tauschbörsen und Verschenkmärkte.

Neben Paech nominiert sind außerdem das Projekt »Kita21« der Umweltstiftung Save Our Future, dass für Erzieher Nachhaltigkeits-Seminare anbietet. Das dort erworbene Wissen geben die Pädagogen an die Kinder weiter, indem sie beispielsweise mit ihnen Gemüse pflanzen und zubereiten. Die Virtuelle Akademie Nachhaltigkeit hingegen, gegründet von dem Betriebswirt Georg Müller-Christ, bringt Studierenden aller Fachrichtungen und Interessenten per Video-Vorlesung bei, eine nachhaltige Gesellschaft mitzugestalten, etwa durch Lehrveranstaltungen zum Thema Ernährung und ökologische Folgen. Bisher beteiligten sich über 30 Hochschulen.

In der Kategorie Handeln ist das niederländische Start-up Fairphone nominiert, das Handys ressourcenschonend und unter möglichst fairen Arbeitsbedingungen herstellt, außerdem der Dokumentarfilmer Valentin Thurn mit seiner Initiative »Foodsharing«. Die Internetplattform funktioniert nach dem Motto »verschenken statt wegwerfen« und ermöglicht es Menschen, die Essen übrig haben, es an Interessenten weiterzugeben. Doch setzt sich in der Kategorie Handeln die »Essbare Stadt Andernach« durch. Auf deren Grünflächen wurden Feigen, Grünkohl und Tomaten angepflanzt. So verwandelte sich die Stadt am Rhein in eine Art Schlaraffenland, in dem sich die Bürger kostenlos bedienen dürfen. »Ich hoffe, dass sich das Projekt der ›Essbaren Stadt Andernach‹ in den Köpfen der Bürger eingenistet hat und dass die Idee, gemeinsam etwas für eine lebenswerte Stadt zu tun, nun aus Andernach hinausschwärmt und weitere Nachahmer findet«, sagt August Oetker, Gesellschafter der Dr. August Oetker KG in seiner Lobrede und überreicht dem Umweltbeauftragten Lutz Kosack sowie der Gartenbauingenieurin Heike Boomgaarden das Preisgeld in Höhe von 10.000 Euro.

»Pflücken erlaubt« statt »Betreten verboten« heißt es seit 2010 in der »Essbaren Stadt Andernach«. Die Bürger erleben dabei hautnah, was hinter den Begriffen Nachhaltigkeit und Biodiversität steckt.
 

Saftig wachsen Kürbisse, Tomaten und Mangold rund um das Schloss. An der Uferpromenade blühen Erdbeeren und Äpfel. Die Einwohner der Stadt Andernach in Rheinland-Pfalz dürfen das Obst und Gemüse aus den öffentlichen Beeten kostenlos pflücken und verzehren. Denn Andernach ist eine »Essbare Stadt« – eine Stadt, in der sich die Grünanlagen in ein kulinarisches Buffet verwandeln. Die Idee für den Öko-Ort, in dem sich die 30.000 Bürger durch Säen und Ernten aktiv an einem nachhaltigen Lebensstil beteiligen, hatten der Landschaftsplaner Lutz Kosack sowie die Gartenbauingenieurin Heike Boomgaarden vor vier Jahren. Artenvielfalt, also Biodiversität, ist ihr erklärtes Ziel. So wurden in Andernach 300 verschiedene Tomatensorten und 101 Bohnensorten angebaut. Aus Sicht der Jury wagt die Stadt einen »radikalen und neuen Blick auf die öffentliche Fläche« und schafft ein Bewusstsein für gemeinsames Eigentum und regionalen Anbau.

Den gemeinsamen Nenner aller Preisträger und Nominierten bringt Gastgeber Klaus Wiegandt auf den Punkt: »Gesellschaftliche Akteure wie unsere heutigen Nominierten machen mir und hoffentlich auch Ihnen allen ›Mut zur Nachhaltigkeit‹ und zeigen, dass die notwendige Kurskorrektur möglich ist.«

Heike Boomgaarden (Mitte), Lutz Kosack (links) und Niko Paech freuten sich über den Preis.
 

Fotos: Phil Dera

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4,5 Milliarden Jahre ist unsere Erde alt, und sie hat extreme Hitze und extreme Kälte erlebt. Doch seit 10.000 Jahren ist unser Klima relativ stabil. »Eine Welt, in der es drei oder sechs Grad wärmer ist als heute, können wir uns kaum vorstellen«, sagte Dirk Messner.

Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung ermittelt:

750 Gigatonnen Treibhausgas

dürfen wir zwischen 2010 und 2050 noch emittieren, sonst wird der Klimawandel unbeherrschbar.

Selbst wenn die globalen Emissionen nicht weiter zunähmen, wäre das 750-Gigatonnen-Budget in etwa 20 Jahren verbraucht.