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© Peter Rigaud
Franz-Bernd Frechen rettet Menschenleben mit sauberem Trinkwasser

Alles fließt – durch einen Filter

Ulrike Meyer-Timpe für ZEIT WISSEN (Ausgabe 1/2016)

Tragbar: Eine Membran im Rucksack-Behälter reinigt Flusswasser von Viren und Bakterien.

Eine Membran bringt’s: Mit ihr wird aus trübem Flusswasser sauberes Trinkwasser. Die Idee für den Zauberfilter entstand vor 15 Jahren. Als einer der großen nordrhein-westfälischen Wasserversorger eine neuartige Kläranlage in Betrieb nahm, die das Wasser ganz ohne Chemie, allein mithilfe einer sehr feinen Membran reinigte. Da dachte Franz-Bernd Frechen, Professor für Wasserwirtschaft an der Universität Kassel: Könnte man das Prinzip nicht auch für transportable Filter nutzen und damit Menschen helfen, die nach einer Katastrophe ums Überleben kämpfen?

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»Bei Überschwemmungen, Taifunen oder Erdbeben sind am vordringlichsten die hygienischen Probleme«, sagt Frechen. Zwar stellen die Hilfsorganisationen oft große Aufbereitungsanlagen zur Verfügung und versorgen Tausende in den betroffenen Städten mit Trinkwasser, doch schwer zugängliche Regionen erreicht solche Hilfe meistens nicht. Frechen begann, mit Membranen zu experimentieren: Wenn Flusswasser mit zu viel Druck hindurchgepresst wird, verstopfen sie und müssen in regelmäßigen Abständen aufwendig erneuert werden. Deshalb entwickelte Franz-Bernd Frechen einen Filter, der im Niederdruckbetrieb funktioniert: Allein mit seinem eigenen Gewicht drückt sich das Wasser durch die Membran. Die dabei Viren und Bakterien, die etwa Typhus oder Cholera verursachen, zurückhält. 2010 kam die »Portable Aqua Unit for Livesaving«, kurz: PAUL, erstmals offiziell zum Einsatz: bei einer großen Überschwemmung in Pakistan. Als blauer Behälter, der wie ein Rucksack transportiert oder vom Hubschrauber abgeseilt werden kann. PAUL bereitet bis zu 1200 Liter Trinkwasser pro Tag auf – das reicht für etwa 400 Menschen. Die Bedienung wird mit einem schlichten Piktogramm erklärt, das aus nur vier Bildern besteht: 1) Wasser mit einem Eimer aus dem Fluss schöpfen; 2) das Wasser in den Behälter gießen; 3) ein Glas unter den Hahn halten – und 4) trinken.

Franz-Bernd Frechen hat eine Filteranlage konstruiert, die wie durch Zauberhand aus trübem Flusswasser sauberes Trinkwasser macht und dabei weder Strom noch Chemie einsetzt. Sie wird wie ein Rucksack transportiert und kann bei Naturkatastrophen Leben retten.

Die Verständlichkeit dieser Anweisungen hat Frechen in indischen Dörfern überprüft. »Die Menschen schleichen zunächst ungläubig um den Wasserrucksack herum und können es nicht fassen, dass aus der braunen Brühe in ein paar Minuten sauberes Trinkwasser wurde.« Ursprünglich war Frechen davon ausgegangen, dass seine Kleinstanlagen später wieder abgeholt werden. Doch die NGOs, die sie bei ihm ordern, lassen sie einfach stehen – die Menschen möchten nicht mehr darauf verzichten. Inzwischen gibt es weltweit 1800 davon, vor allem in Asien und Afrika. Weil die Universität mit Produktion und Vertrieb überfordert war, bat sie Frechen, eine GmbH dafür zu gründen. Die „WaterBackpack Company« lässt die Rucksäcke mittlerweile in einer Kasseler Behindertenwerkstatt zusammenbauen und verkauft sie zum Selbstkostenpreis von 1000 Euro an humanitäre Organisationen. Zehn Jahre lang tut PAUL dann, nahezu wartungsfrei, seine Arbeit. Unterm Strich kosten fünf Liter Trinkwasser auf diese Weise weniger als 1 Cent.

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Wenn wir das Wissen nicht in Handeln umsetzen, bringt es nicht viel. Wir müssen daran arbeiten, dass es der Welt weiterhilft.

Franz-Bernd Frechen

Wenn dies alles so einfach und preiswert ist: Warum haben dann immer noch Millionen Menschen kein sauberes Wasser? Franz-Bernd Frechen würde gern die Gründung von Wasser-Kooperativen initiieren. Die Anschaffung von PAUL könnte ein Mikrokredit finanzieren, der getilgt wird, indem die Dorfbewohner 1 Cent pro Liter Trinkwasser zahlen – weit weniger als für sauberes Wasser in Flaschen. Oder ein Sponsor müsste her. Frechen: »Ich hätte gern einen Termin bei Bill Gates!« Eine halbe Stunde würde reichen: Die Vorführung von PAUL hat bisher noch jeden überzeugt.

Franz-Bernd Frechen, 61, ist seit 20 Jahren Professor für Wasserwirtschaft in Kassel. Seinen Wasserfilter PAUL hat er mit finanzieller Unterstützung der Bundesstiftung Umwelt entwickelt.

https://www.youtube.com/watch?v=L5yj04anRVk&feature=youtu.be