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© Natalie Bothur
Essbare Stadt Andernach - Obst und Gemüse für alle

Blumenkohl statt Begonien

Via Ulrike Meyer-Timpe für ZEIT WISSEN (Ausgabe 2/2014)

Heike Boomgaarden hat die Stadt Andernach zur »Essbaren Stadt« gemacht.

Man kann ja nicht immer warten, bis es endlich eine offizielle Genehmigung gibt. »Wir haben einfach mal gemacht«, sagt Heike Boomgaarden. Gemeinsam mit Lutz Kosack, der in Andernach für den Naturschutz zuständig ist, belud die Gartenbau-Ingenieurin ihr Auto mit Grünkohlpflanzen und setzte sie in städtische Blumenrabatten. Ziel der beiden: das öffentliche Grün zu revolutionieren. Der knackige Name des Projekts: »Essbare Stadt Andernach«. »Es hatte was von Guerilla Gardening«, sagt Boomgaarden, »und war eine Gratwanderung« – doch dann waren Bürgermeister wie Stadtgärtnerei von der Idee überzeugt.

Zu Füßen der alten Stadtmauer reifen heute Knackmandeln, Quitten, Feigen und Granatäpfel, es gibt sogar einen kleinen Weinberg.

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Das Konzept wurde zu einem werbeträchtigen Markenzeichen, viele andere Kommunen machten sich in Andernach kundig. Inzwischen haben Boomgaarden und ihre Mitstreiter mit Unterstützung der Stadt 8000 Quadratmeter bepflanzt. Zu Füßen der alten Stadtmauer reifen heute Knackmandeln, Quitten, Feigen und Granatäpfel, es gibt sogar einen kleinen Weinberg. Das Tomatenprojekt stellte 2010 im Stadtgebiet 101 Sorten vor, im Jahr darauf rankten 100 Bohnensorten an langen Stangen empor, es folgten Zwiebeln und Kohl als Schwerpunkt. Statt »Betreten verboten!« heißt es jetzt an den städtischen Grünanlagen »Pflücken erlaubt«: Sobald Obst und Gemüse reif sind, darf sich jeder bedienen. Und zur Erntezeit gibt es ein Fest, bei dem gekocht wird und ein Buch mit den besten Rezepten entsteht.

Die »Essbare Stadt Andernach« verbindet gleich mehrere Ziele. Sie zeigt den Menschen – angefangen bei Schulklassen –, wie Kartoffeln oder Walnüsse wachsen und wie man etwa Mangold zieht. Gleichzeitig sensibilisiert das Projekt für eine gesunde Ernährung. Die »Essbare Stadt« stärkt auch die Zusammengehörigkeit, weil sich viele gern um die gemeinschaftlichen Beete kümmern, und bildet obendrein Langzeitarbeitslose aus, die für eine kontinuierliche Pflege sorgen und freiwillige Helfer anleiten. Boomgaardens Idee rettet außerdem alte einheimische Gemüsesorten. Und weil statt immer neu zu pflanzender Stiefmütterchen und Begonien jetzt Wildstauden neben Johannisbeeren blühen, entlastet das Projekt obendrein das Budget der Stadt. Aus Grünkohl in Blumenrabatten ist ein Projekt erwachsen, das nicht nur Andernach verändert hat.

https://www.youtube.com/watch?v=gUivd8nSNgI