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© Frank Bauer
Unter einem Dach vereint das Projekt eine Flüchtlingsunterkunft, ein Hotel und Künstlerateliers

Einchecken in der Lebensfreude

Ulrike Meyer-Timpe für ZEIT WISSEN (Ausgabe 2/2016)

Jobs für Künstler, Platz für Flüchtlinge, Ideen für die Zukunft: Das »Grandhotel Cosmopolis« in Augsburg ist eine »soziale Skulptur«.

Den Anstoß gab ein Prozess im Iran, der weltweit die Menschen empörte. Im Sommer 2010 sollte Sakineh Mohammadi Ashtiani gesteinigt werden, weil sie als Ehebrecherin galt. Auch einige Augsburger Künstler planten eine Protestaktion für Ashtiani – das verband sie mit der Refugee-Szene der Stadt. »Dabei erkannten wir, dass es Gemeinsamkeiten zwischen Künstlern und Flüchtlingen gibt – als Randgruppen der Gesellschaft«, sagt der Pianist Stef Maldener. Und so wurde der Grundstein für Deutschlands ungewöhnlichstes Hotel gelegt: das »Grandhotel Cosmopolis« mitten in der Augsburger Altstadt. Es beherbergt, neben zahlreichen Künstlerateliers und 16 Hotelzimmern für durchreisende Gäste, auch 65 Flüchtlinge. Die kreativen Gründer begreifen ihr Grandhotel als »soziale Skulptur«.

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Ein elegant geschwungener Tresen aus den fünfziger Jahren, auf dem Orientteppich Sitzgruppen der Nierentisch-Ära, ein gemütliches altes Sofa, darüber ein kultiges String-Regal mit Büchern: Die restaurierten Gebrauchtmöbel machen die Vintage-Bar im Parterre des Grandhotels zu einem anheimelnden Ort. Die Uhren an der Wand hingegen öffnen den Blick in die Welt, indem sie die Zeit auf verschiedenen Kontinenten zeigen – in den Heimatorten mancher Flüchtlinge oder Künstler.

Unter einem Dach vereint das Projekt eine Flüchtlingsunterkunft, ein Hotel, Künstlerateliers und ein Café.

Das heutige Hotel ist mal ein Diakonie-Altenheim gewesen, das Gebäude stand dann aber lange leer. Über Facebook fanden sich viele Freiwillige, die spontan mit anpackten und halfen, das Haus zu renovieren. Anschließend richteten die Künstler 16 kreativ gestaltete Hotelzimmer ein – die inzwischen sehr gut gebucht sind – und ebenso individuelle Räume für die Flüchtlinge. Das geschah ganz im Zeichen von Upcyling und »mit null Geld«: Die sorgfältig restaurierten Möbel stammten aus Haushaltsauflösungen und großen Sammelaktionen. Parallel dazu gab es ständig Termine mit den Behörden, wegen Vorgaben zur Flüchtlingsunterbringung, wegen strenger Auflagen in der Gastronomie, aber auch wegen des afghanischen Musikers Farhad, den man plötzlich abschieben wollte. Das Projekt »Grandhotel« wurde für die Gründer zwischenzeitlich zum Fulltime-Job.

Im Sommer 2013 zogen die ersten Flüchtlinge ein, die meisten kamen damals aus Tschetschenien. »Es waren viele Kinder dabei«, sagt der Pianist Stef Maldener, »die haben uns gezeigt, wo der Hammer hängt, und erst mal die Einrichtung getestet.« Die Unterkunft, die von den Künstlern gestaltet wurde, nimmt drei der insgesamt sechs Etagen ein. Betrieben wird sie vom Regierungsbezirk Schwaben, der eine Heimleitung und den Hausmeister stellt.

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Wir wollen ein Zusammenleben praktizieren, in dem sich jeder von uns wohlfühlen kann. Anstatt vor sich hin zu jammern, kann jeder seine Gaben einbringen und zusammen mit anderen ein gemeinsames Werk schaffen.

Stef Maldener

Den Alltag teilen die Flüchtlinge, die inzwischen aus einer Vielzahl von Ländern stammen, mit den Hotelgästen und den Künstlern. »Es sind ganz, ganz unterschiedliche Menschen«, sagt Stef Maldener. Manche engagieren sich enorm in der Hausgemeinschaft, andere pflegen lieber ihr Familienleben oder verlassen schon morgens das Haus, weil sie außerhalb des »Grandhotels« Freunde haben. Wieder andere fallen stets aufs Neue in ein tiefes Loch und brauchen es, dass man auf sie zugeht. So wird der Umgang miteinander manchmal zur Gratwanderung: »Wir müssen immer wieder aufpassen, dass wir die Flüchtlinge nicht behandeln, als seien sie unsere Patienten«, sagt Stef Maldener. Die Flüchtlinge sollen Kontakt und Unterstützung bekommen, wann immer sie das brauchen. Doch wenn sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen, dann ist es umso besser.

Im Augsburger »Grandhotel Cosmopolis« leben und arbeiten Künstler, Flüchtlinge und Hotelgäste unter einem Dach und teilen den Alltag.

https://youtu.be/gvqAgugmgFM