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© Steffen Roth
Die Initiative »Repair Café« verändert den Umgang mit Gebrauchsgegenständen und wendet sich gegen Wegwerfen

Mensch, reparier das Ding!

Für weniger Müll: Tom Hansing und die Repair-Initiativen. Was nicht mehr funktioniert, muss nicht weggeworfen werden – mit etwas Fachkenntnis kann manches repariert und noch weiter genutzt werden.

Die Nähmaschine rattert, der Lötkolben zischt, es wird geschraubt, gefeilt, gehämmert. An langen Tischen sitzen Dutzende Männer und Frauen inmitten von Werkzeug aller Art, gebeugt über Kameras, Uhren, Spielzeug. Sie verfügen über Wissen, das sie gern weitergeben: Was tun, wenn der Laptop nicht mehr lädt, das Radio keinen Ton mehr hören lässt, der Griff vom Topfdeckel sich gelöst oder der Holzschemel ein Bein verloren hat? Die Experten vom »Repair Café« helfen. Gemeinsam mit den Besuchern reparieren sie kostenlos deren mitgebrachte Gegenstände, die nicht einfach auf dem Müll landen sollen.

Überall in Deutschland sind neuerdings Reparatur-Initiativen entstanden – an die 200 binnen nur drei Jahren. Die Treffen, bei denen computeraffine junge Leute ebenso wie handwerklich versierte Rentner ihre Dienste anbieten, finden in Bürgerzentren oder Schulen, Künstlerateliers oder Kirchengemeinden statt. Den Anstoß zu dieser Graswurzel-Bewegung gab das niederländische »Stichting Repair Café«, das für einigen Medienrummel sorgte. In Deutschland berät die Stiftungsgemeinschaft anstiftung & ertomis Menschen, die eine solche Initiative starten möchten. Sie vernetzt die Initiativen und macht auf ihrer Website bekannt, wann und wo demnächst repariert wird.

»Eine zukunftsfähige Gesellschaft braucht informierte Bürger, die nicht einfach dummes Kaufvieh sind«, sagt der zuständige Koordinator Tom Hansing, der selbst eine offene Siebdruck-Werkstatt für jedermann in Berlin gegründet hat. Die Treffs, fügt er hinzu, steigerten die Sensibilität dafür, dass man defekte Dinge nicht gleich wegwerfen müsse, und es entstehe ein großer Schatz an Wissen, wie man sie reparieren kann.

© Steffen Roth

Viele Menschen wollen etwas beitragen zur Nachhaltigkeit. Indem sie die Nutzungsdauer ihrer Geräte verlängern, wird das Ressourcensparen für sie greifbar.

Tom Hansing

Ende 2014 haben sich 120 Vertreter von deutschsprachigen Reparatur-Initiativen zu einer ersten Vernetzungstagung in München getroffen. Dort beschlossen sie, ein Reparatur-Siegel zu entwickeln, das die Menschen vor dem Kauf von Wegwerfprodukten bewahren soll. Denn manch ein Hersteller verhindert bewusst, dass man defekte Geräte wieder zum Laufen bringen kann – und schadet so nicht nur den Kunden, sondern vor allem auch der Umwelt.

Immer mehr Menschen investieren ihre Freizeit, um sich bei den in vielen Städten entstehenden Reparatur-Initiativen zu engagieren. Kostenlos helfen sie, die Defekte von Geräten und Gegenständen zu beheben – umsonst arbeiten und damit auch ein politisches Statement abgeben gegen eine umweltschädliche Wegwerfmentalität.

https://www.youtube.com/watch?v=RNYss4elHKU