Besuchen Sie ZEIT WISSEN auf Facebook English Version
© Frank Bauer
Die Lehmhäuser der Architektin Anna Heringer will man streicheln

Mit der Kraft der Erde

Via ZEIT WISSEN (Ausgabe 2/2017) • Miray Caliskan und Hella Kemper • 20.02.2017

Die Architektin Anna Heringer hat dem Beton den Kampf angesagt

© Frank Bauer

Superstoff Lehm: Seit mehr als 9000 Jahren bauen Menschen ihre Behausungen aus dem natürlichen Rohstoff, der auch die Architektin Anna Heringer früh überzeugte: Vor 20 Jahren lernte sie in Bangladesch bei der lokalen Entwicklungsorganisation Dipshikha, wie man mit einfachem Lehm schöne Hauser bauen kann – heute gilt sie als Vorreiterin für umweltfreundliches Bauen und entwirft großartige fantasievolle Gebäude, die schon mehrfach ausgezeichnet wurden, auch weil sie vor allem aus natürlichen Materialien bestehen. Lehm hat viele Vorzüge: Es gibt ihn fast überall, er kann unkompliziert und ohne Maschinen verarbeitet werden, er speichert Wärme, reguliert die Luftfeuchtigkeit. Doch er gilt auch als vergängliches Baumaterial der Armen; wer es sich leisten kann, verarbeitet Beton. China hat zwischen 2011 und 2013 rund 6,6 Milliarden Tonnen Zement, das Bindemittel von Beton, verbaut, mehr als die USA in den letzten 100 Jahren. Die Herstellung von Beton ist für fünf Prozent aller von Menschen verursachten CO₂-Emissionen verantwortlich. Bei ihren Lehmbauprojekten in Bangladesch, China und Simbabwe arbeitet Heringer mit ortsansässigen Handwerkern: 400 Tonnen Lehm haben sie beispielsweise für die Meti Handmade School im bengalischen Rudrapur verbaut, das Obergeschoss ist aus Bambus.

»Am Ende meines Lebens«, sagt Heringer, die im oberbayerischen Laufen ihr Architekturbüro hat, »möchte ich mit meinem Baubudget nicht die Zementlobby gefördert haben, sondern Menschen, die mit der Erde zu ihren Füßen Häuser gebaut haben.«

© Frank Bauer

Die Architektin Anna Heringer widmet sich vor allem dem nachhaltigen Bauen in ärmeren Ländern. Bei ihren Pilot-Projekten in Bangladesch wirkt sie mit ästhetisch ansprechenden, energiesparenden und kostengünstigen mehrgeschossigen Bauten der Wohnraumknappheit entgegen, ohne wertvolles Ackerland zu versiegeln. Sie setzt dabei auf den traditionellen Baustoff Lehm, die Beteiligung der ortsansässigen Menschen und den Einsatz lokaler Handwerkserzeugnisse. Ihre einfache Bauweise mit wenigen industriell gefertigten Materialien kann und soll von der Bevölkerung nachgeahmt werden kann.