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© Peter Rigaud
Stephan Rammler hat Visionen für eine postfossile Mobilitätskultur

On the road, immer weiter

Ulrike Meyer-Timpe für ZEIT WISSEN (Ausgabe 1/2016)

Natürlich bleiben wir auch in Zukunft mobil – lustvoll, aber anders, glaubt der Zukunftsforscher Stephan Rammler.

Damals fuhr er selbst begeistert Motorrad. Als Stephan Rammler in den frühen neunziger Jahren am Lawrence Berkeley Lab studierte, hatte er eine Erkenntnis, die sein Leben verändern sollte: »In Kalifornien wurde mir schlagartig klar, wie existenziell Mobilität für moderne Gesellschaften ist.« Überrascht stellte er fest: Die Forschung dazu befand sich fest in den Händen von Ingenieuren und Naturwissenschaftlern. Die Gesellschaftswissenschaften kümmerten sich kein bisschen darum. Dabei erschienen dem Soziologie- und Umweltmanagement-Studenten schon damals wenige Themen so drängend wie die Mobilität. Er begann, diese Lücke in der Forschung zu füllen.

Stephan Rammler hat zur Mobilität der Zukunft konkrete Visionen erarbeitet, die Lust auf eine umweltschonende Fortbewegung machen. Er beschreibt sie in seinem Buch »Schubumkehr. Die Zukunft der Mobilität«, das sich wie ein fesselnder Science-Fiction-Roman liest.

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Wenn er heute gefragt wird, ob uns triste Zeiten drohen, sollten die fossilen Rohstoffe ausgehen, lächelt er nachsichtig. Inzwischen ist er Professor für Transportation Design & Social Sciences an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig und zeichnet das Bild einer bunten Zukunft, in der wir es weiter genießen können, mobil zu sein – nur eben ganz anders als bisher. In seinem Buch Schubumkehr. Die Zukunft der Mobilität schürt er nun geradezu die Vorfreude auf die Ära nach dem Erdöl. »Beim Thema Mobilität besteht eine extreme Kluft zwischen Wissen und Handeln«, sagt er. »Wir kennen die Gefahren des Klimawandels und seine Ursachen. Aber wir handeln nicht entsprechend.« Also stellt Rammler erst mal Fragen – als Zukunftsforscher vor allem aus gesellschaftswissenschaftlicher Perspektive: Welche innovativen Konzepte gibt es, um die mobilitätsbedingten Emissionen nachhaltig zu reduzieren? Wie bereitet man die Menschen rechtzeitig auf Zeiten vor, in denen die Erdöl-Vorräte aufgebracht sind und in denen ein Umdenken notwendig sein wird? Und wie weckt man in ihnen nicht nur die Bereitschaft zur, sondern sogar auch die Lust auf Veränderung?

Bestimmt nicht, indem man als Moralist auftritt oder die Apokalypse beschwört, meint Rammler. Seine Leitbilder für eine postfossile Mobilitätskultur verpackt er in seinem Buch in spannende Geschichten von »Futurnauten«, die durchs Jahr 2043 reisen, in dem längst Wasserstoff das Erdöl ersetzt hat. Sie sind mit Luftschiffen unterwegs, die unter anderem photovoltaisch betrieben und nicht mehr an aufwendige Flughäfen gebunden sind, sondern überall an kleinen Landestationen Passagiere aufnehmen können. Ihr Smartphone navigiert sie blitzschnell durch ein dichtes Netz von jeweils passenden Transportmitteln. Und in China hat man die Phase des eigenen Autos einfach übersprungen und in den Megacitys gleich flexible Carsharing-Modelle installiert.

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Nicht die Technik ist das Problem auf dem Weg ins postfossile Zeitalter, sondern die emotionale Fixierung der Menschen auf ihr PS-starkes Fahrzeug.

Stephan Rammler

Dabei kann Stephan Rammler als ehemaliger Motorradfahrer ja jede Leidenschaft für die Automobilkultur nur zu gut nachfühlen. Er kennt das Emanzipationspotenzial, das für Jugendliche auf dem Land im ersten eigenen Auto steckt. Das Gefühl der Freiheit, das etwa auf dem Highway durch die Wüsten Nevadas entsteht, ist ihm nur allzu vertraut. Umso überzeugender wirbt er für Alternativen.

Vieles sei bereits auf einem guten Weg – zumindest in den Städten, wo das Auto seinen Stellenwert als Statussymbol bei der urbanen Jugend bereits verloren habe. Nicht die Technik sei das Problem auf dem Weg ins postfossile Zeitalter, sondern die emotionale Fixierung der Menschen auf ihr PS-starkes Fahrzeug. »Das ist wie eine Sucht, und der Entzug ist erst mal schmerzhaft«, sagt Rammler. Um ihn zu erleichtern, hat er positive Leitbilder von großer Strahlkraft entwickelt.

Stephan Rammler, 47, lebt in Berlin und Braunschweig, wo er den Masterstudiengang Transportation Design aufgebaut hat. In seinem Buch »Schubumkehr. Die Zukunft der Mobilität« beschreibt er eine postfossile Mobilitätskultur.

https://www.youtube.com/watch?v=aAMtLW-lJ9I