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© Valeria Mitelmann
Der Berliner Verein »Cucula« hat zusammen mit fünf jungen Afrikanern eine Möbelmanufaktur gegründet

Schiffsplanken unterm Hintern

Ulrike Meyer-Timpe für ZEIT WISSEN (Ausgabe 2/2016)

Die Designmöbel von fünf Afrikanern erinnern an ihre Flucht – und zeigen auch ihre Hoffnung.

Der Lärm der Kreissäge füllt den Raum, es wird gehämmert, gehobelt, geschraubt. Malik, der 21-Jährige mit den Dreadlocks, und seine vier Kollegen bauen Möbel – Stühle, Tische und Bänke, Betten und Regale aus Kiefernholz, die auf einem Entwurf des italienischen Designers Enzo Mari basieren. Die fünf Afrikaner haben doppelt Glück im Unglück gehabt: Erst haben sie die gefährliche Überfahrt von Libyen aus überlebt und sind in Lampedusa gelandet, später lernten sie in Berlin-Kreuzberg Corinna Sy, Sebastian Däschle und Jessy Medernach kennen, mit denen sie die Möbelmanufaktur Cucula als Verein gründeten.

© Valeria Mitelmann

Es begann vor zweieinhalb Jahren. Erstaunt beobachteten die Berliner, wie sich auf dem Kreuzberger Oranienplatz immer mehr Hütten und Zelte drängten. Dort lebten Hunderte von afrikanischen Flüchtlingen, die in Deutschland keine Unterstützung, nicht einmal eine Unterkunft erhielten. Ob sie kostenlos an den Kreativkursen teilnehmen wollten, die das Kulturzentrum »Schlesische27« in unmittelbarer Nähe anbot? Der Vorschlag von dessen Leiterin Barbara Meyer fand Resonanz. Fünf Flüchtlinge besuchten nun den Tischlerkurs von Sebastian Däschle. Allerdings: Als die Holzstühle fertig waren, wollten Malik und die anderen sie nicht behalten. »Wir sind Flüchtlinge, wir haben nicht einmal eine Wohnung – wozu brauchen wir da Möbel?«, sagten sie. Doch tischlern wollten sie weiterhin gern. Da entstand die Idee, die das Leben ihrer deutschen Freunde auf den Kopf stellte: Wie wäre es, wenn man die Stühle verkauft? So könnten sich die Flüchtlinge etwas Geld verdienen.

Dafür musste man allerdings ein Unternehmen mit eigener Werkstatt gründen. Es war die Geburtsstunde von Cucula. »Wir sind da sehr naiv reingestolpert«, sagt Corinna Sy heute. Seit zwei Jahren sind die beiden Designer Sy und Däschle und die Pädagogin Jessy Medernach nun vollkommen damit beschäftigt, das Start-up zu etablieren, sich in das komplizierte Asylrecht einzufuchsen – »ein unübersichtlicher Riesendschungel«, sagt Sy – und all die anderen Steine beiseitezuräumen, die das Leben in Deutschland den Flüchtlingen in den Weg legt.

Zwei Berliner Designer und fünf Flüchtlinge bauen gemeinsam Möbel, deren Erlös die Zukunft der jungen Afrikaner sichern soll.

Zuerst musste die Genehmigung von Enzo Mari her: Der Designer hatte seine Entwürfe zum Nachbauen nicht für den Verkauf, sondern nur für Heimwerker gedacht. Außerdem mussten sie eine Werkstatt mieten und einrichten, wobei ein Crowdfunding half. Dann hatte Malik die geniale Idee, das Gedenken an die Flucht übers Mittelmeer in den Möbeln zu verewigen: Statt nur neues Kiefernholz zu verwenden, könnte man einzelne bunte Planken aus den Flüchtlingsschiffen integrieren. Also ging es nach Lampedusa, um das Holz zu holen – so entstand die limitierte Edition der »Botschafter-Stühle«.

Zweieinhalb Tage pro Woche sind die Flüchtlinge nun in der Werkstatt, in der übrigen Zeit erhalten sie Unterricht. Der Verein Cucula, für den sich viele Ehrenamtliche engagieren, bietet ihnen Deutschkurse an und unterstützt sie beim Kampf um ein Bleiberecht. Wenn ihr Status endlich geklärt ist, wollen die fünf eine Lehre beginnen, Angebote von Handwerksfirmen gibt es. Bei Cucula könnten dann andere nachrücken. »Es ist Wahnsinn. Ständig kommen hier Politiker vorbei und klopfen uns lobend auf die Schulter, doch das ändert leider gar nichts an der Situation der Flüchtlinge«, sagt Corinna Sy. »Wir haben hier fünf Leute, die fit sind und die sofort eingestellt werden könnten, aber immer noch hat keiner von ihnen eine Arbeitserlaubnis.« Dabei haben sie schon auf den Möbelmessen in Mailand und Köln ausgestellt und sogar Bühnenbilder für die Berliner Philharmoniker und die Münchner Kammerspiele gebaut. Trotzdem schenkt Cucula nicht nur den Afrikanern, sondern auch den Deutschen Hoffnung.

© Valeria Mitelmann

Wenn man an seine Ideen glaubt und sie allen Widerständen zum Trotz verwirklicht, kann etwas ganz Tolles entstehen. Wir alle gestalten unsere Realität letztlich selbst. Das zu sehen gibt mir viel.

Corinna Sy

https://www.youtube.com/watch?v=Ncm2mb85m_Y