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© Peter Rigaud
Pablo Wendel speist kreativen Strom ins öffentliche Netz

Unter Strom. Mit ganz viel Kunst

Ulrike Meyer-Timpe für ZEIT WISSEN (Ausgabe 1/2016)

Seine kreative Energie erzeugt mehr Elektrizität, als Pablo Wendel nutzen kann – also speist er sie ins öffentliche Netz ein.

Kann man die kreative Energie eines Künstlers nutzen, um damit den Laptop aufzuladen? Für die Kunden von Performance Electrics ist das ganz alltäglich: Deutschlands kleinster Stromlieferant versorgt rund zwanzig Haushalte und Museen mit ökologisch einwandfreier Elektrizität, die obendrein künstlerisch wertvoll ist. Indem die Abnehmer die Espressomaschine starten oder das Licht anschalten, werden sie zu Kunstmäzenen.

© Peter Rigaud

Es begann 2008 in der Stuttgarter Marienstraße. Pablo Wendel stand am Fenster seines Ateliers und überlegte, wie die nächste Stromrechnung zu bezahlen sei. Zwar hatte der Installationskünstler weltweit Aufsehen erregt, als er sich mit selbst kreierter Verkleidung in Chinas Terrakotta-Armee einreihte und erst mal nicht enttarnt wurde. Doch mit solchen Kunstaktionen lässt sich kaum Geld verdienen. Wendels Blick fiel auf die Leuchtreklamen an der Marienstraße. Und er dachte: »Was für eine Riesen-Energieverschwendung!« Er beschloss, sich das Licht der Werbung künstlerisch anzueignen – die Idee zu seiner Aktion »Schmarotzer« war geboren.

Pablo Wendel wandelt seine kreative Energie in Elektrizität um. Seinen »Kunststrom« speist er dann als kleinster deutscher Energieanbieter ins öffentliche Netz ein.

Schon bald hingen, wie schwarze Zensurbalken, Solarmodule vor den Leuchtreklamen. Kabel kletterten die Fassaden empor, baumelten an Vordächern und Regenrohren, überspannten die Straße. Und in Wendels Studio flackerte – als Höhepunkt der Installation – die parasitäre Glühbirne. Die Aktion ließ die Marienstraße aussehen, als sei dort das Geld ausgegangen, um die Kabel unter Putz zu legen. Aber das scheinbar nachlässig verlegte Stromnetz vernetzte auch die Menschen: Es brachte die Ladenbesitzer miteinander ins Gespräch und machten sie zu Kunstvermittlern, die den erstaunten Kunden die Aktion erklärten.

© Peter Rigaud

Seither ließ das Thema den Künstler nicht mehr los. Mal zapfte er die Bewegungsenergie des Uhrzeigers an einem Kirchturm ab. Dann schuf er acht Meter hohe Skulpturen, die als Windrad dienten. Um selbst bei deren Herstellung das Klima zu schonen, nutzte er dafür ausgediente Straßenpfosten und Verkehrsschilder. Der so erzeugte Strom floss in mobile Kunststrom-Speicher, die sich in ausrangierten Mülltonnen befanden und Laptops, Smartphones und E-Bikes aufluden. Weil Wendels kreative Energie für mehr Elektrizität reichte, als er nutzen konnte, reifte eine erstaunliche Idee: Warum nicht den Kunststrom ins öffentliche Netz einspeisen? Er entwickelte seine Power Station als architektonische Skulptur, die die selbst erzeugte Energie entsprechend umwandelt, und gründete 2012 den Stromlieferanten Performance Electrics. Über die Website können Neukunden dorthin wechseln. »Die Erlöse werden zu 100 Prozent in die Erforschung neuer stromerzeugender Kunstaktionen investiert«, sagt Wendel.

Das Stromnetz stellt sich der Künstler als europaweite Kupferskulptur vor, in der die elektrische Energie fließt. Er verknüpft es mit einem Netzwerk aus menschlicher Energie, um seinen Kunststrom zu generieren: Elektromeister machen mit, Architekten, Designer und sogar Mitarbeiter des Instituts für Aerodynamik der Uni Stuttgart. Zudem arbeitet Wendel mit Schulen zusammen. In seinem Projekt Testudo Solaris löten die Schüler Solarmodule, die sie dann wie einen Schutzschild einsetzen: In der römischen Schildkrötenformation, seitlich und nach oben durch die Module abgeschirmt, schwärmt die Gruppe in die Stadt aus. So fängt sie Sonnenenergie ein und speichert sie in einer Batterie, die sie hinter sich herzieht. Eine Aktion, die nicht nur Wissen, sondern auch viel Spaß bringt. Und die Zahl der Kunststrom-Aktivisten stetig steigen lässt.

Pablo Wendel, 35, lebt in Stuttgart. Er ist Installationskünstler und Energielieferant. Seine Firma Performance Electrics versorgt derzeit 20 Kunden mit Kunststrom.

https://www.youtube.com/watch?v=8QeWJPwpSm4