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Nachhaltigkeitskongress 2018

Anstoß nehmen, Beispiel geben

Via DIE ZEIT • Cornelia Heim • 12.04.2018

»Wenn wir weiter machen wie bisher, wird bis zum Jahr 2080 jede zweite Tier- und Pflanzenart ausgestorben sein.«

Man stelle sich einen Affen in der Schaltzentrale eines Atomkraftwerkes vor. Klar, das Tier ist geschickt genug, auf Knöpfe zu drücken. ‑Aber was geschieht dann? Drückt er zufällig den einen verhängnisvollen Schalter?«, fragt der ZDF-Reporter Dirk Steffens. »Oder macht er nur in der Toilette das Licht an?«

Der Affe in der Schaltzentrale – bewusst wählt der Wissenschaftsjournalist diese bittere Metapher. So wie das Tier an den Nukleartasten willkürlich walte, so gehe der Mensch mit der kostbaren Erde um. »Wir können nicht vorhersagen, wie viele Tausende Arten wir noch ausrotten müssen, bevor es zur Katastrophe kommt«, sagt Steffens. »Trotzdem machen wir einfach weiter so.«

Wenige Stunden vor Steffens Vortrag geht eine traurige Nachricht um die Welt. Sudan ist gestorben. Sudan, so hieß das letzte männliche nördliche Breitmaulnashorn. Natürlich, sagt Steffens, seien wir nicht existenziell vom Nashorn abhängig. Genauso wenig wie vom Eisbären. »Wir brauchen sein Fell nicht zum Wärmen, sein Fleisch nicht zum Essen.« Aber niemand wisse genau, welche Rolle welches Tier im Ökosystem Erde spiele.

TV-Journalist Dirk Steffens reist seit 25 Jahren um die Welt. Er findet es »unvermeidbar«, dass man dabei zum Umweltschützer wird. Artensterben und Versauerung der Ozeane hält der WWF-Botschafter für existenziell gefährdend.

Das anhaltende Aussterben von Tier- und Pflanzenarten ist für Steffens eine »existenzielle Herausforderung«. »Wir befinden uns im sechsten und wohl massivsten Massensterben der Erdgeschichte. Die vorherigen fünf hat nie ein Lebewesen überlebt, das größer ist als …« Steffens Hände deuten die Größe eines Kaninchens an. Seit 25 Jahren beobachtet WWF-Botschafter Steffens die Erde und ihre Veränderungen. Er zeichnet kein schönes Bild vom Zustand des Planeten. Wieder ein Korallenriff weg, ein paar Elefanten weniger, wieder ein Stück vom Gletscher geschmolzen, wieder mehr Regenwald abgeholzt. Steffens zeigt Fotos einer erschöpften Erde, eine beliebige Millionenstadt in China, vom Smog erstickt. »In China sterben 4 000 Menschen an Luftverschmutzung – täglich!« Die Weltgesundheitsbehörde verzeichne jährlich neun Millionen Menschen, die einer Umweltvergiftung zum Opfer fielen – »das ist mehr als jeder Krieg, jede Terrororganisation, jede Seuche je verursacht haben«.

»Wir haben ein Problem«, wird der TV-Journalist nicht müde zu betonen, »wir verbrauchen 50 Prozent mehr Ressourcen, als die Erde neu produzieren kann.« Wir verhielten uns folglich wie die reichen Erben einer alten Dynastie mit dickem Sparbuch in der Tasche, von dem wir ständig Geld abholten, auf das wir aber nie etwas einzahlten. Irgendwann seien wir bankrott.

»Klimawandel und besonders das Artensterben werden zur größten existenziellen Herausforderung dieses Jahrhunderts.« Nach Berechnungen des WWF werde bei ungebremster Treibhausgasemission bis ins Jahr 2080 jede zweite (!) Art verschwinden.

»Viele sterben, noch bevor wir sie überhaupt kennengelernt haben «, beklagt der Erdbeobachter. »Über die Hälfte aller wilden Tiere ist schon weg.«

Der Massentod findet längst auch vor heimischer Haustür statt. Laut Max-Planck-Institut zwitschern seit 1950 rund 65 Prozent weniger einheimische Vögel. Seit 1989 seien in bestimmten Regionen 75 Prozent der Fluginsekten verschwunden. »Ohne Bienen keine Äpfel«, bringt es Steffens auf den Punkt. Die Fluginsekten seien die Grundlage unserer Landwirtschaft. »Wenn wir die restlichen 25 Prozent auch noch killen, dann haben wir nichts mehr zu essen.«

»Was muss geschehen, damit wir tun, was wir für richtig halten?« Das ist die Ausgangsfrage von Michael Kopatz vom Wuppertaler Umweltinstitut. Theoretisch müsste jeder Erdbürger seine CO2-Produktion auf 1,5 Tonnen pro Jahr senken. Doch selbst wer auf Auto und Flugreisen verzichte, energieeffizient wohne und regional einkaufe, käme noch auf fünf Tonnen. Kopatz hat das selbst ausprobiert. Er folgert: »Alleine schaffen wir das nicht.« Der engagierte Umweltwissenschaftler propagiert eine neue »Ökoroutine«. Sein Konzept, das er auch in seinem gleichnamigen Buch ausformuliert, fordert eine Veränderung der »kollektiven Rahmenbedingungen «, damit der Einzelne gar nicht mehr bewusst darüber nachdenken müsse, ob er auch tatsächlich verantwortungsvoll lebe. »Wir brauchen neue Standards und Limits.« Beispiel Kopenhagen: Dort würden bei Schneefall zuerst die Radwege geräumt – und erst dann die Straßen.

Positive Vorbilder gebe es auch in puncto Wohnungsbau, bei der Energieversorgung oder den verbesserten Öko-Standards von Elektrogeräten. »Ich bin ein großer Freund Europas«, erklärt der Umweltwissenschaftler. Über den Umweg von EU-Normen hätten sich unmerklich neue Verhaltensweisen eingeschlichen. Seit 1977 seien die Standards der Wärmeschutzverordnung schrittweise angehoben worden und im Jahr 2021 werde das »Nullenergiehaus« europaweit zur Baunorm.

Die Idee des Wuppertaler Umweltwissenschaftlers Dr. Michael Kopatz ist bestechend: Über Standards und Limits soll Öko zur Routine werden. Der Buchautor ist sicher: »Die Politik macht den feinen Unterschied.«

Kopatz schlägt vor, die Verschärfung von Standards auch in der Landwirtschaft voranzutreiben, »damit wir am Schluss alle 100 Prozent Bio haben«. Ein »geht nicht« akzeptiert der promovierte Sozialwissenschaftler nicht.

Bauern, da ist er sicher, wollten nur wissen, dass der Konkurrent die gleichen Standards einhalten müsse. Außerdem: Bei einer anonymen Befragung von CEO-Managern habe sich herausgestellt, dass auch diese sich zu 80 Prozent radikale Vorgaben durch die Politik wünschten.

Marlehn Thieme, Vorsitzende des Rats für nachhaltige Entwicklung und enge Beraterin der Bundesregierung, plädiert dafür, Nachhaltigkeit im Grundgesetz zu verankern. »Wenn alles politische, staatliche Handeln unter diesen Aspekt gesetzt wird, dann haben wir eine politische Messlatte für die Gerechtigkeit der Generationen.« Da sich der neue Finanzminister Olaf Scholz bereits als Bürgermeister in Hamburg als »völlig unmusikalisch« gegenüber Umweltthemen gezeigt habe, baut auch Thieme auf den Druck der EU, schließlich sei der Finanzmarkt »ein ganz wichtiger Hebel für die politische Entschlusskraft«.

Die Juristin Marlehn Thieme ist seit 2012 Vorsitzende des Rates für Nachhaltige Entwicklung und damit enge Beraterin der Bundesregierung. Ihr Ziel: Nachhaltigkeit im Grundgesetz zu verankern.

UN-Botschafter Dirk Steffens ergänzt: Wir müssen einen Markt schaffen, der es für Unternehmer interessanter macht, ökologische statt unökologische Produkte zu verkaufen.«

Anna-Katharina Hornidge, die sich als Entwicklungssoziologin mit Küstenfischern in Ost-Indonesien oder Kleinbauern in Süd-Tadschikistan beschäftigt, mahnt, den Nachhaltigkeitsbegriff nicht nur aus unserer »nationalen Brille « zu betrachten«. Buen-Vivir, das Gute-Leben-Konzept aus Ecuador, so meint die Professorin der Universität Bremen, könne eine Alternative zur profitorientierten Wachstumsgesellschaft darstellen.

Anna-Katharina Hornidge ist Professorin an der Universität Bremen. Die Entwicklungs- und Wissenssoziologin rät, Nachhaltigkeit nicht nur aus der westlichen Perspektive zu betrachten.

Michael Kopatz wünscht sich von Politikern mehr Mut für die Umwelt: »Vielleicht werden Sie dafür abgewählt, aber das wäre was Edles.«

Fotos: Phil Dera

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