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© Zooey Braun
Nachhaltige Stadtentwicklung

Build For More With Less

Mehr denn je zieht es die Menschen in die Stadt. Die Landflucht ist weltweit so groß, dass im Jahr 2050 zwei Drittel der Weltbevölkerung in Städten leben wird.

28,5 Mio. Menschen bevölkern bereits heute eine Megastadt wie das indische Delhi. Auf 38,99 Mio. Einwohner, so die Prognose, wird sie bis ins Jahr 2030 anwachsen und damit zur größten Metropole der Welt werden. Delhi steht beispielhaft für einen weltweiten Trend: Die Menschen drängen in die Metropolen. Der Zuzug in die Städte stellt für sozial Schwache, vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern, einerseits eine reelle Aufstiegschance dar. Andererseits verschlingen die wachsenden Metropolen aber auch enorme Ressourcen. Als »Melting Pots« rücken die Großstädte so verstärkt in den Fokus nachhaltiger Politik. Und bieten auf diese Weise große Chancen für umweltverträgliche Innovationen: Denn die wachsenden Städte werden zwangsläufig zu natürlichen und sehr lebendigen Laboren der Nachhaltigkeit.

Wie sieht die nachhaltige Idealstadt aus? Der weltweit tätige Stararchitekt Werner Sobek konkretisiert die Frage so: »Was ist besser – eine weit ausgedehnte Stadt wie im Schwäbischen, wo ein sechstes Stockwerk schon ein Unding ist, oder Metropolen, die in die Höhe schießen, so wie in Fernost, wo Hochhaus-Agglomerationen von 200 bis 300 Meter Höhe favorisiert werden?« Sobek ist nicht nur Architekt. Der Bauingenieur und Professor an der Universität Stuttgart forscht als Leiter des Instituts für Leichtbau, Entwerfen und Konstruieren an konkreten Lösungen. Der Politik wirft der engagierte Verfechter nachhaltigen Bauens Versagen vor – sie »stochere im Nebel herum«. Zunächst gelte es, Fakten und Zusammenhänge klar zu benennen. Erst dann könne man wissenschaftsbasiertes Bauen in der Zukunft sinnvoll skizzieren.

Ein Mann klarer Worte – der renommierte Architekt und Bauingenieur Professor Werner Sobek plädiert für eine wissenschaftsbasierte Benennung der Fakten und Zusammenhänge. Dann werde klar: Man könne viel mehr Energie und Ressourcen sparen beim Hausbau als bei der Fassadendämmung.

 

So nennt Werner Sobek die Probleme beim Namen und rechnet kühl vor: Die wachsende Menschheit stehe vor einem gigantischen Baustoffproblem. Jeder Bürger in Deutschland sei statistisch von 490 Tonnen Baumaterial umgeben. Der Weltdurchschnitt liege bei 115 Tonnen pro Kopf. Diese Berechnung beinhalte nicht nur Wohnung, Haus und Parkplatz, sondern auch die jeweiligen Anteile an der Infrastruktur. Reihte man die Straßen Deutschlands aneinander, könne man den Äquator 16 Mal umwickeln, betont Sobek. Diesen Maßstab global realisieren zu wollen sei allerdings eine Illusion. Da die Weltbevölkerung pro Sekunde um 2,6 Menschen wachse, müsse man dafür in jeder Sekunde 1 300 Tonnen Baustoff aus der Erdkruste kratzen und transportieren. Als Folge dieses gewaltigen Material- und Energiebedarfs würde sich die Erde um 6 bis 8 Grad erwärmen. »Ein absoluter Crash«, konstatiert Sobek lakonisch. Sein Vorschlag lautet daher: »Less For More – mit weniger Material für mehr Menschen bauen.« Dafür benötige man neue Bautechniken, die recyclinggerecht seien, Entwürfe, die verstärkt auf Rezyklate setzten, den Einsatz recycelter Rohstoffe. Werner Sobek möchte mit Abfall bauen. »Keine Sorge«, beruhigt er schmunzelnd: »Das stinkt nicht, das sieht sogar schön aus.« Ästhetik sei wichtig. Beim nachhaltigen Bauen dürfe man die Menschen nicht in eine Entsagungsästhetik treiben. »Nur noch Jute, nur noch flach atmen, nie mehr lachen« – das, warnt Sobek, sei das falsche Signal. Nein, »Architektur muss rasant schön sein«. Sobek zeigt ein Bauforschungsprojekt, das mit Schweizer Kollegen realisiert wurde, würfelförmig, großzügig, mit Glasfassaden und unterschiedlichsten Bauteilen. Auf jedem einzelnen Teil könnte stehen: »Ich war mal ein Haus, ein Kirchturmdach, eine Kreissparkassen-Fassade.«

Werner Sobek sieht für die Menschheit kein Energie-, sondern ein Emissionsproblem. Er fordert, die gesamte Versorgung der Städte auf erneuerbare Energien umzustellen. Und er meint: Eine komplett emissionsfreie Stadt bis ins Jahr 2040 sei keine Utopie.

Statt auf die ressourcenintensive und teure Dämmung von Altbauten setzt Sobek auf intelligente Technik. Schon mit einem vergleichsweise geringen Investment von bundesweit etwa 35 Milliarden Euro könne man 20 Prozent Energie einsparen. Dafür müsse man lediglich jede Wohnung mit einem Energiemanagementsystem ausstatten, sodass jede Heizung automatisch in Abhängigkeit von der Wetterprognose und den Bedürfnissen der Bewohner reguliert würde. Investiere man das gesparte Geld in Photovoltaik, entstehe durch die Akkumulation dieser Effekte in kurzer Zeit eine Stadt, die keinerlei fossil basierte Energie mehr benötige: Häuser ohne Schornsteine, Autos ohne Abgase. Die von der Bundesregierung geförderte energetische Sanierung hält Sobek dagegen für den falschen Weg: »Das ist viel zu teuer – deshalb macht es keiner.«

Klimagerecht leben muss keine Utopie sein. Innovative Stadtplaner wie Burkhard Drescher schreiben z. B. dem Ruhrgebiet ein hohes Photovoltaik-Potenzial zu. »Damit könnte man die 5,3 Millionen Einwohner 1,6 Mal mit sauberem Strom versorgen.«

Auch Burkhard Drescher ist überzeugt: »Die Energiewende gelingt nur von unten.« Der Vorsitzende der Geschäftsführung der Bottroper Innovation City Management GmbH sagt aus Erfahrung: »Klimagerechter Stadtumbau ist machbar.« Beispielhaft zeigt dies sein Pilotprojekt in Bottrop. Die Stadt, in der gerade erst das letzte Steinkohlebergwerk Deutschlands geschlossen wurde, entwickelt sich zum Musterschüler in Sachen Klimaschutz. Das erklärte Ziel: Die Stadt will in zehn Jahren ihre CO²-Emissionen um 50 Prozent reduzieren. Nach nur fünf Jahren ist bereits eine Reduktion um 37,5 Prozent erreicht.

Und wie funktioniert das? Mit ganz vielen kleinen Projekten – von der Ladestation für Elektrofahrräder bis hin zu Plusenergiehäusern, in denen das Gebäude mehr Energie erzeugt, als seine Nutzer verbrauchen, sagt Drescher. Technisch sei das alles kein Problem. Seine Firma habe solche Strukturen im Altbestand und im sozialen Wohnungsbau realisiert. Die Modellstadt Bottrop mit ihren 70 000 Einwohnern sieht Drescher als Erfolgsgeschichte.

Doch wie nimmt man die Bürger mit? Wie überzeugt man Hauseigentümer, in den Klimaschutz zu investieren? Das gelinge nur mit persönlicher Ansprache und gezielter, auf die individuellen Gegebenheiten abgestimmter Energieberatung. Wenn Berater Bürger aufsuchen, werde das in Bottrop mit einer Erfolgsquote von 76 Prozent belohnt.

Drescher, der lange Zeit Oberbürgermeister von Oberhausen war, weiß, wie entscheidend gute Kommunikation ist. Sein Tipp an die Bundespolitik: auf viele überschaubare Schritte setzen, nicht immer nur das höchste Niveau fördern – da mache keiner mit, »und dann bringt es auch nichts«.

Das kann Nadine Kuhla von Bergmann bestätigen. Sie hat die Agentur »Creative Climate Cities« gegründet und glaubt an »offene Innovationsprozesse« und die Kraft von Graswurzelbewegungen. Die Verständigung von oben nach unten dauere hingegen viel zu lang. Auch Susanne Metz, Leiterin des Amts für Landesplanung und Stadtentwicklung der Hamburger Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen, ist klar, dass für den Umbau zur Stadt der Zukunft viele Impulse nötig seien. Hamburg habe den Vorteil, über neue Siedlungsräume etwa an großen Ausfallstraßen zu verfügen. Wie man diesen Raum nutze, darüber sei ein offener Dialog mit den Bürgern wichtig.

Fotos Werner Sobek und Burkhard Drescher: Jan Richard Heinicke

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ZNadmin

Im Jahr 2050 werden zwei Drittel der Weltbevölkerung im urbanen Raum leben. Wachsende Städte sind die große Herausforderung in der Nachhaltigkeitsdebatte, zugleich aber auch Hoffnungsträger für die Zukunft.

 

Bild oben: Das modular aufgebaute Forschungsgebäude NEST im schweizerischen Dübendorf besteht vollständig aus wiederverwertbaren Materialien. Der Architekt des Moduls »Urban Mining & Recycling« Werner Sobek fordert, dass alle zur Herstellung eines Gebäudes benötigten Ressourcen vollständig wiederverwendbar, wiederverwertbar oder kompostierbar sein müssen.