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© Andree Kaiser
Gesellschaft

Das andere Vermögen

Via ZEIT WISSEN • Lisa Hertwig, Hella Kemper, Jakob Wittmann • 18.02.2020

Maja Göpel entwirft eine neue Fortschrittsformel

Was ist die Idee? Zeiten der Krise bieten die Chance, auch tiefliegende Grundannahmen infrage zu stellen. Eine der zentralen Leitideen des 20. Jahrhunderts war die monetäre Messung der möglichst endlosen Steigerung von Produktivität und Wachstum. Alle preisbasierten Indikatoren, angefangen beim Bruttoinlandsprodukt, vermelden bis heute positive Trends, während wir in der Welt viel Krisenhaftes beobachten: Nicht nur das Klima ist in der Krise, auch die Demokratie, die soziale Gleichheit, die Sinnhaftigkeit. Wenn wir empirische Erkenntnisse und die digitale Datenrevolution aber dafür nutzen, erfolgreiches Wirtschaften an sozialen und ökologischen Zielen auszurichten, dann entsteht eine neue Fortschrittsformel: hohe Lebensqualität bei geringstmöglichem Fußabdruck.

Was waren die größten Hindernisse? Im Diskurs ist es aktuell kaum möglich, unser Wirtschaftssystem strukturell zu beschreiben, ohne in eine ideologische Schublade gequetscht zu werden. Dabei sind eine klare Sicht und ehrliche Beschreibungen doch die Voraussetzung für normative Entscheidungen. Stattdessen setzen wir undifferenziert auf »Wachstum«, um weitere Symptombekämpfungen finanzieren zu können. Wie viele dieser Symptome aber genau daraus resultieren, dass kurzfristig ausschließlich das Wachstum von Geldwerten verfolgt wird, bleibt dabei unberücksichtigt.

Wie geht es weiter? In meinem neuen »Buch Unsere Welt neu denken« geht es mir darum, Gesellschaft aus der Zukunftsperspektive zu sehen. Dabei helfen Gedankenexperimente wie das des amerikanischen Philosophen John Rawls: Welche Gesellschaft würde ich bauen, wenn ich vorher nicht wüsste, wo in diesem System ich landen werde? Ich frage mich, wer hat denn heute das Vermögen, wer vermag etwas beizutragen – und wie steht dieses Vermögen in Verbindung mit Vorteilen, die anderen heute nicht oder nicht mehr offenstehen? Ein gesundes Verhältnis zwischen Gemeinwohl und Partikularinteressen zu schaffen braucht mutige Politik und öffentliche Unterstützung mutiger Politik. Dafür möchte ich an der Schnittstelle von Nachhaltigkeit, Politik und Wissenschaft werben.

 

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ZNadmin

Die Transformationsforscherin Maja Göpel macht sich für neue Wohlstandsmodelle und entsprechende Veränderungen in politischer und ökonomischer Hinsicht stark. Aktuell ist sie Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltfragen sowie Honorarprofessorin an der Leuphana Universität Lüneburg. Sie arbeitet an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft zur Nachhaltigkeitstransformation. Göpel bezieht klar Stellung, fordert einen triefgreifenden Strukturwandel, engagiert sich gemeinsam mit weiteren Wissenschaftlern bei der »Scientists for Future«-Initiative und ist eine der Vordenkerinnen in Richtung nachhaltige Gesellschaften und der dafür notwendigen Innovationen.