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© Sachverständigenrat für Verbraucherfragen
Lucia Reisch möchte Menschen zu einem nachhaltigen Lebensstil motivieren. Ohne Verbote, Steuern und Subventionen

Die Entscheidungs-Architektin

Via ZEIT WISSEN (Ausgabe 2/2018) • Max Rauner • 15.02.2018

Verhaltenspolitik und »Nudges« sollen Umwelt und Gesellschaft nutzen

Was ist die Idee?

Wie lassen sich Menschen zu einem nachhaltigeren Lebensstil motivieren? Warum verhalten sich viele Menschen so wenig nachhaltig, auch wenn sie dies eigentlich wollen, wie Umfragen immer wieder zeigen? Welche politischen Instrumente sind wirksam und sinnvoll, wenn man nachhaltigen Konsum fördern möchte? Das ist das Forschungsgebiet von Lucia Reisch. Sie ist Professorin an der dänischen Copenhagen Business School und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit diesen Themen. Die Verhaltensökonomin berät die Politik in Sachen nachhaltiger Konsum und Verbraucherverhalten. Sie war auch Mitglied in der Ethikkommission »Sichere Energieversorgung« mit Klaus Töpfer, die den Atomausstieg nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima empfohlen hat.  

Besonders spannend findet Reisch die Frage, wie die Politik wirksam das Verhalten der Bevölkerung beeinflussen kann, ohne Gebote oder Verbote zu erlassen, und ohne Markteingriffe wie Steuern oder Subventionen rechtfertigen zu müssen. Ein großes Potential sieht sie in der so genannten Verhaltenspolitik, dem »Nudging« (englisch für Anstupsen): Die nachhaltigere Alternative soll hier die naheliegende und einfache sein. Durch eine kluge »Architektur der Wahl« ließen sich Konsumentscheidungen einfach und zielgenau beeinflussen. Zum Beispiel durch sogenannte defaults, also Voreinstellungen, indem Menschen etwa automatisch Ökostrom beziehen, wenn sie in eine neue Wohnung ziehen, oder durch die Voreinstellung »doppelseitiges Drucken« bei einem Drucker. Auch soziale Normen, positives Feedback und Erinnerungen an die eigenen Ziele können als Nudges wirken. Im Idealfall werden solche »angestupsten« Verhaltensweisen nach einer Weile zur Gewohnheit. Wichtig ist dabei Transparenz über das Ziel (beispielsweise »weniger Fleisch essen«) und die Methode (ein fleischloses Gericht als Default in der Kantine). Staatliche »Entscheidungsarchitekten« sollten in einer demokratischen Marktwirtschaft offenlegen und begründen, welche »Nudges« mit welchem Ziel eingesetzt werden, sagt Reisch. Die Wirksamkeit und auch unerwünschte Nebenwirkungen sollten zudem empirisch getestet werden, bevor sie großflächig eingesetzt werden.

Was waren die größten Hindernisse?

»Konsumentscheidungen werden oft als sakrosankt angesehen«, sagt Lucia Reisch, »und sobald man auf die ökologischen Folgewirkungen eines ungehemmten Konsums hinweist, wird einem vorgeworfen, man hielte die Konsumenten für dumme Schafe und wolle sie ihrer Konsumfreiheit berauben«. Ihr Gegenargument: »Konsumfreiheit ist fraglos ein hohes Gut, aber beschränkt die Freiheit anderer, beispielsweise nachfolgender Generationen. Und wenn man die Menschen fragt, dann sind sie manchmal sogar froh darüber, dass nicht alles erlaubt ist was gefällt.« Im Bereich Umwelt und Gesundheit werden Nudges von einem großen Teil der Bevölkerung akzeptiert, hat Lucia Reischs Forschungsgruppe festgestellt. Viele versuchen auch mit Hilfe von »Snudges«, also Selbst-Nudges, ihre Selbstkontrolle zu verbessern, zum Beispiel durch Fitness-Apps im Gesundheitsbereich. Reisch sagt: »Menschen richten sich stark an sozialen Normen aus, und diese haben sich in den letzten Jahrzehnten in Richtung ökologische und soziale Nachhaltigkeit verschoben. Geiz und Rücksichtslosigkeit sind gar nicht mehr geil. Enkelgerechtigkeit ist die neue Norm.«

Wie geht es weiter?

Lucia Reisch ist davon überzeugt, dass das Thema Nachhaltigkeit weltweit eine wichtige Rolle spielt: »Für eine gute Zukunft unserer Gesellschaft will ich meinen kleinen Teil beitragen.«

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Die Arbeitsschwerpunkte von Lucia Reisch liegen vor allem in der Verbraucher- und Nachhaltigkeitspolitik. Mit ihrer Forschung untermauert sie verbraucherrelevante Sachverhalte wissenschaftlich, sie vernetzt die Akteure der Verbraucherforschung und sorgt für den Wissenstransfer zwischen Wissenschaft und Politik. Lucia Reisch ist Professorin für Konsumforschung und Verbraucherpolitik an der Copenhagen Business School, Gastprofessorin an der Zeppelin Universität, Vorsitzende des Sachverständigenrats für Verbraucherfragen sowie Mitglied in mehreren Beiräten, u. a. im Rat für Nachhaltige Entwicklung.