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© Marie Hochhaus
Fast Fashion

Faire Mode gegen Fast Fashion

Via ZEIT WISSEN • Annina Arnold • 01.10.2018

Textilbündnisse sollen die Modeindustrie nachhaltiger machen. Doch der Turbokonsum von Kleidung steht dem entgegen. Die Influencerin Marie Nasemann will das ändern.

Es rattert, schnurrt und surrt in Berlin Pankow. Die Näherei Tinka Bell ist eine der letzten in Deutschland. Faire Marken wie Kluntje und Kernvoll lassen hier Kleidung produzieren, doch reich wird die Inhaberin Christine Reincke davon nicht. Sie putzt, näht, betreut die Kunden und ist oft bis spät abends im Betrieb. Drei Mitarbeiterinnen hat sie noch, früher waren es neun. Sie sagt: »Der Endkunde muss verstehen, dass die Kleidung, die in Deutschland hergestellt wird, nicht so billig sein kann.«

 

Ein T-Shirt von Kluntje kostet 45 Euro. Die Fertigung im Ausland ist zwar günstiger als in Berlin, doch dort sind die Arbeitsbedingungen und Umweltstandards meist schlechter. Vor fünf Jahren stürzte in Bangladesch die Textilfabrik Rana Plaza ein, in der auch Kleidung für C&A, KiK oder NKD produziert wurde. Mehr als 1000 Menschen kamen ums Leben, das Unglück sorgte weltweit für Schlagzeilen. Nichtregierungsorganisationen und Kunden forderten mehr Transparenz in der Lieferkette. Die Nachfrage nach fair produzierter Mode stieg an.

 

Daraufhin unterzeichneten Modeketten das Accord-Abkommen, und in Deutschland initiierten Industrie, Politik und Nichtregierungsorganisationen (NGOs) das deutsche Textilbündnis. Das Textilbündnis engagiert sich weltweit für Sicherheit, Umwelt und Gesundheit in der Textilbranche, Accord dagegen konzentriert sich vor allem auf die Sicherheit. Die Mitgliedschaft in beiden Bündnissen ist freiwillig. Mitglieder im deutschen Textilbündnis müssen sich feste Ziele setzen und die Umsetzung in Fortschrittsberichten darlegen. Geprüft werden beide durch unabhängige Dritte.

 

Theoretisch sollten nun alle Fabriken, die für Bündnismitglieder Kleidung herstellen, auch kontrolliert werden. Doch viele der geprüften Produktionsstätten geben heimlich Aufträge an Unterfirmen ab, sagt Sabine Ferenschild von der NGO Südwind. Da diese offiziell nicht exportieren, gelten dort die von den Bündnissen vorgeschriebenen Sicherheitsstandards nicht. Lange Lieferketten und mangelnde Transparenz machen solche Praktiken möglich. Südwind ist zwar Mitglied des deutschen Textilbündnisses, doch Sabine Ferenschild wünscht sich weitergehende Maßnahmen. »Ich halte europäisch-gesetzliche Rahmenbedingungen für sinnvoll. Zum Beispiel sollte man niedrigere Zölle beim Import aus Bangladesch mit der Einhaltung von Sozialstandards verknüpfen«, sagt sie. Auch die Gewerkschaftsfreiheit sollte sich ihrer Meinung nach verbessern. Denn noch immer sind die Löhne zu niedrig, viele Arbeiterinnen machen Überstunden. Dadurch sind sie häufig übermüdet – keine guten Voraussetzungen für ein sicheres Arbeiten.

 

Weit weg von den Fertigungshallen sitzt Bianca Heinicke vor ihrem Computer und hält ein Kleidungsstück nach dem anderen in die Kamera. Besser bekannt ist sie unter ihrem Social-Media-Pseudonym BibisBeautyPalace. In so genannten Shopping-Haul-Videos zeigt sie ihre neuesten Errungenschaften (Haul ist englisch für Beute). Zehntausende Menschen schauen ihr dabei zu. Auf Youtube und Instagram gibt es unzählige solcher Kanäle, in denen meist junge Frauen im Wochentakt ihren jüngsten Beutezug präsentieren. Einige haben Millionen Follower und damit den Status von »Influencern«. Bezahlen müssen sie die Kleidung meist nicht, sie werden von Modelabels gesponsert. Firmen wie Primark und Asos nutzen die Influencer, um in immer kürzeren Abständen neue Kollektionen zu bewerben. Und die Kunden machen mit: 60 Teile kaufen Konsumenten laut der Unternehmensberatung McKinsey mittlerweile pro Jahr, tragen diese aber im Schnitt nur halb so lang wie noch vor 15 Jahren.

 

Kritiker nennen diesen Trend Fast Fashion in Anlehnung an Fast Food. Viele Kleidungsstücke werden nur kurz oder gar nicht getragen und landen in der Altkleidersammlung oder sogar im Müll. Marie Nasemann will das ändern. Sie hat vor neun Jahren Platz drei bei Germany´s Next Topmodel belegt. Heute ist auch sie eine Influencerin. Auf Instagram und mit ihrem Blog “Fairknallt” wirbt sie für nachhaltig und fair produzierte Kleidung. Auslöser war für sie das Unglück von Rana Plaza. Nun wehrt sie sich gegen die Argumente, dass faire Mode zu teuer sei oder zu »öko« aussehe. Außerdem zählt sie vertrauenswürdige Firmen und Gütesiegel auf. Ein Absolvent der Nachhaltigkeitswissenschaften berät sie dabei. Vor kurzem zeichnete nun der Bundesdeutsche Arbeitskreis für Umweltbewusstes Management ihren Blog mit dem internationalen Sonderpreis aus.

 

Dass grüne Mode in ist, haben längst auch die großen Modeketten mitbekommen. C&A, Zara und H&M haben mittlerweile alle ein entsprechendes Angebot. Doch der Anteil der fair produzierten Kleidung am Gesamtsortiment ist mitunter gering. Alles nur Augenwischerei? Marie Nasemann hat sich unter anderem C&A als Sponsor ausgesucht, weil sie das Unternehmen für glaubwürdig hält. Unsicher ist sie bei anderen Modeketten: »Bei Zara zum Beispiel weiß ich nicht, was dahinter steckt. Das geht mehr in Richtung Greenwashing.«. Zwiegespalten ist sie auch bei H&M: Die Firma produziere immer noch viel zu viel, viel zu schnell. Auch die fehlende Transparenz in den Lieferketten stört sie.

 

Was tun? Eine Möglichkeit wäre, Kleidung zu tauschen, zu mieten oder im Second Hand Laden einzukaufen. Oder aber sich eine Faustregel der Kampagne »30Wears« zu Herzen zu nehmen. Der Grundgedanke: Erst wenn du dir sicher bist, dass du ein Kleidungsstück 30 Mal tragen wirst, solltest du es kaufen. Weitere Tipps von Marie Nasemann: »In nachhaltige Basics investieren. Sei es ein schönes weißes T-Shirt, ein Paar Sneaker, eine schöne Jeans, einen Kaschmirpulli.« Und sich vor dem Einkaufen fragen: »Was ist mein Stil? Was gefällt mir wirklich? Was passt zu mir? Welche Farben stehen mir?« So lassen sich Fehlkäufe vermeiden – und es bleibt Geld übrig für nachhaltigere Mode, die dann auch etwas teurer sein darf. Für Tinka Bell, die Näherei in Berlin, gäbe es dann vielleicht wieder mehr Aufträge.

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