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© Patrick Ohligschläger
Klimapolitik

Im Spiegel der Meere

Via ZEIT WISSEN • Andrea Böhnke, Hella Kemper, Anja Leuschner • 12.02.2019

Michael und Maike Recktenwald verklagen die Europäische Union

Was ist die Idee?

Wir leben auf der Insel Langeoog und führen hier ein Restaurant und ein Hotel. Im Laufe der Jahre sind die Sturmfluten heftiger geworden. Dadurch ist unsere Trinkwasserquelle gefährdet. Wir merken, dass sich die Erntezeitpunkte verschoben haben: Hagebutten, Holunder und Sanddorn sind früher reif. Auch die Fischbestände verändern sich. Dem Kabeljau zum Beispiel ist es vor der Insel zu warm geworden, er ist weiter nach Norden gezogen. Dafür haben die Fischer plötzlich Rotbarben im Netz. Auch Menschen in anderen Ländern spüren die Folgen der Erderwärmung. Gerd Winter hat uns mit ihnen zusammengebracht. Er ist emeritierter Professor für Europäisches Umweltrecht in Bremen. Wir verklagen gemeinsam die Europäische Union. Denn die EU wird ihre Klimaziele nicht erreichen, sie hat sie außerdem zu niedrig angesetzt. Unsere Mitstreiter kennen wir nicht persönlich, aber wir alle haben Kinder und klagen in deren Namen. Denn wir leben in der Natur und sehen die Anzeichen des Klimawandels jeden Tag.

Was waren die größten Hindernisse?

In der Klageschrift mussten wir belegen, dass es einen Klimawandel gibt, dass wir jetzt schon darunter leiden und dass wir etwas dagegen tun können. Diese Arbeit haben uns die Rechtsanwälte abgenommen. Deshalb sind Gerd Winter und die Hamburger Rechtsanwältin Roda Verheyen die wahren Helden der Geschichte. Ohne sie hätten wir nicht einmal gewusst, wie wir diese Klage einreichen. Auch als die EU diese dann zunächst abgelehnt hat, wussten die beiden, was zu tun ist.

Wie geht es weiter?

Jeder Politiker in Brüssel, aber natürlich auch in Deutschland weiß, dass es den Klimawandel gibt. Wir alle wissen, dass er weitreichende Folgen für uns und vor allem für die nächsten Generationen haben wird. Auf der rechtlichen Ebene geht es uns darum, die europäischen Klimaziele zu verbessern. Die EU soll ihre Emissionen um 50 statt um 40 Prozent gegenüber 1990 senken. Auf der moralischen Ebene wollen wir die Politiker dazu zwingen, ihre selbst gesetzten Ziele einzuhalten.

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Maike und Michael Recktenwald haben sich einer Sammelklage von zehn Familien aus Europa, Kenia und den Fidschi-Inseln angeschlossen. Sie verklagen die Europäische Union, weil diese die bisherigen Klimaziele nicht an aktuelle Entwicklungen anpasst und damit das Grundrecht auf Leben, Gesundheit, Berufsfreiheit und Schutz des Eigentums verletzt wird. Das Ehepaar Recktenwald ist mit seinen Bio-Gastronomiebetrieben auf der Insel Langeoog direkt von den Folgen des Klimawandels betroffen, doch suchen sie die Auseinandersetzung stellvertretend für uns alle. Sie zeigen, dass man auf diese Weise auch als Einzelner ein Zeichen setzen kann.