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Gesellschaft

Moralismus ist unangebracht

Via ZEIT WISSEN • Annika Brockschmidt und Max Rauner • 30.06.2017

Der Sozialpsychologe Harald Welzer hat sich vom Universitätsleben weitgehend verabschiedet, um sich ganz seinem politischen Engagement zu widmen. Mit der Stiftung Futurzwei und der Initiative Offene Gesellschaft möchte er aktiven Wandel bewirken und den Menschen eine Plattform zum Austausch bereitstellen. Wir haben mit ihm über seinen Ausstieg aus der Wissenschaft und die nötigen Voraussetzungen für Engagement gesprochen. Harald Welzer ist Mitglied der Jury für den ZEIT WISSEN-Preis Mut zur Nachhaltigkeit.

ZEIT WISSEN: Gab es bei Ihnen einen Moment, in dem sie gesagt haben: »Ich gehe weg der Wissenschaft und werde Aktivist?«

Harald Welzer: Der Schritt raus aus der Wissenschaft kam um 2010 herum, als wir die Stiftung Futurzwei gegründet haben – da ging es um die gesellschaftliche Transformation hin zur nachhaltigen Gesellschaft. Ich habe die Wissenschaft verlassen, weil sie ein strukturkonservatives System ist, vor allem im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften. Diese Wissenschaftsbereiche sind wahnsinnig gut im Analysieren von Problemen, aber extrem schlecht darin, etwas zu verändern – nicht mal im eigenen Betrieb.

 

ZEIT WISSEN: Sollte Wissenschaft denn Lösungen zu Problemen anbieten?

Harald Welzer: Nein, grundsätzlich ist es nicht die Aufgabe von Wissenschaft, Lösungen bereitzustellen. Das wäre ein Missverständnis. Aber ich finde, sie sollte zum gesellschaftlichen Fortschritt beitragen, auch wenn sich das total altmodisch anhört. Es darf nicht bei der bloßen Mitteilung bleiben, was die anderen tun sollten. Also keine Verhaltensänderung fordern, selbst wenn sie sinnvoll ist, die man selber nicht auf das eigene System überträgt. Das ist eine Katastrophe.

 

ZEIT WISSEN: Wie hat sich ihr Leben seit dem Ausstieg aus der Wissenschaft verändert?

Harald Welzer: Das Durchschnittslevel meiner Laune ist erheblich gestiegen. Ich habe viele sehr unterschiedliche Menschen getroffen und habe ein starkes Vertrauen darin entwickelt, dass man Dinge tatsächlich verändern kann. Das macht dann richtig Spaß und zieht einen aus der Lethargiegefahr heraus. Man fragt sich dann: »Wenn die das können, warum sollte ich so weitermachen wie bisher?«

 

ZEIT WISSEN: Dann soll sich jeder engagieren?

Harald Welzer: Man muss vor allem helfen können. Wollen alleine reicht nicht. Ich muss die nötigen Ressourcen haben, um mich zu engagieren. Jemand, der beispielsweise extrem wenig verdient und deshalb viel mehr Schwierigkeiten hat, seinen Alltag zu organisieren – das ist ja nicht trivial – hat es da deutlich schwieriger. Natürlich sind Zeit und Geld fehlende Ressourcen, die die Möglichkeiten schon einschränken.

 

ZEIT WISSEN: Ist Engagement eine Bürgerpflicht?

Harald Welzer: Nö, ich finde jede Form von Moralismus da völlig unangebracht, zumal es ja auch nichts bringt. Man kann ja einen Hund nicht zum Jagen tragen, genauso kann man jemanden, der das nicht will, nicht zum Ehrenamt prügeln.

 

ZEIT WISSEN: Viele wollen sich ja engagieren.

Harald Welzer: Das glaube ich gar nicht mal. Wir sind unheimlich gut darin, zu sagen: »Ich würde ja gerne, aber wollen hab ich nicht gedurft«. Solche Gespräche haben oft die unausgesprochene Funktion, sich wechselseitig zu versichern, dass es eigentlich auch nichts bringt, wenn man irgendwas macht. Gleichzeitig versichert man sich aber, dass man gerne was machen würde. Wir kennen diese Gespräche alle: »Das bringt doch nichts, damit hältst du den Klimawandel nicht auf«.

 

ZEIT WISSEN: Ein ähnlicher Defätismus ist auch zu hören, wenn zum Beispiel über Pulse of Europe gesprochen wird.

Harald Welzer: Ja, das habe ich oft erlebt. In öffentlichen Diskussionen meldet sich immer jemand, der sagt: »Da gehen jetzt Leute aus der Mittelklasse hin statt auf den Sonntagsspaziergang und fühlen sich dann gut.« Und ich denke dann immer: »Ey, wie viel Legitimation für Passivität braucht ihr eigentlich?« Man findet immer irgendwas. Und immer wird auf die draufgeschlagen, die sich tatsächlich mal bewegen – aber nur, um die eigene schlaffe Borniertheit zu legitimieren. Und das geht mir total auf die Nerven.

 

ZEIT WISSEN: Also soll sich nicht jeder engagieren?

Harald Welzer: Wer keinen Bock darauf hat, der braucht es nicht zu tun – das ist keine Pflichtübung. Es ist doch hammermäßig, dass wir in einem Land leben, wo 40 Prozent der Leute irgendwo engagiert sind, und das in einer Konsumgesellschaft. Leute, die sich im Sportverein engagieren oder im Altersheim.

Eine freiheitliche Gesellschaft funktioniert dadurch, dass sich Leute für das Gemeinwesen einsetzen, das funktioniert nicht von selbst. Das ist bei uns in hohem Maße gegeben. Das ist wahrscheinlich ein stärkeres Mittel, um gegen Neurechte vorzugehen, als zu sagen: »Wir wollen keine Nazis«. Das kann man immer machen, aber aktiv zum Zusammenhalt von Gesellschaft beizutragen ist das stärkste Moment gegen die Feinde dieses Typs von Gesellschaft.

 

ZEIT WISSEN: Was, wenn sich die Rechten auch engagieren, zum Beispiel als Fußballtrainer – muss ich da nicht etwas sagen? Brauchen wir an dieser Stelle politischen Aktivismus nicht mehr?

Harald Welzer: Doch, den brauchen wir, ich bin ja selber politischer Aktivist! Wenn man in dem Beispielfall beim Fußballspiel ist und hinterher einen miteinander trinkt, dann muss man in den Konflikt gehen und sagen: »Super mit dem Team, aber das ist doch Scheiße, was du erzählst.« Das ist auch die politisch wichtige Aufgabe, diese Konflikte nicht zu verdecken, nur weil jemand Trainer ist, sondern wir müssen wieder lernen, viel mehr da rein zu gehen. Übrigens bis in die Familien hinein. Diese Konflikte ziehen sich ja auch durch die Familien hindurch. Und sie werden häufig nicht angesprochen. Wir sind entpolitisiert. Durch den Neoliberalismus, der im Kern die Mitteilung macht, alles ist ein Win Win. Und wenn ich diese Vorstellung habe heißt das umgekehrt, dass alles ohne Konflikt ist. Konflikt ist aber ein wichtiges Moment von Gesellschaft. Wir müssen wieder lernen, diese Konflikte auszutragen.

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