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© Alena Schmick
Slow Fashion

Nach Stich und Faden

Via ZEIT WISSEN • Andrea Böhnke, Hella Kemper, Anja Leuschner • 12.02.2019

Die Designerin Lisa Prantner näht Erinnerungen ein

Was ist die Idee?

Manchmal stopfen wir nur ein Loch, kürzen eine Hose oder machen einen Rock enger, aber aus einer Jeans kann auch eine Reisetasche werden und aus einem Herrenpullunder ein hübsches Strickkleid. In unser Veränderungsatelier in Berlin-Schöneberg bringen Menschen alte Kleidungsstücke, die sie retten wollen – meistens weil sie ihnen am Herzen liegen. Manche kommen mit geerbten Sachen, dem Lieblingspullover vom Vater oder dem Brautkleid der Großmutter – Dingen, die einen Erinnerungswert haben. Die Schneiderinnen und Designerinnen von »Bis es mir vom Leibe fällt« entwickeln gemeinsam mit den Kunden eine Idee, was aus den Kleidungsstücken werden kann. In den Vereins-Workshops üben wir mit den Teilnehmern an Nähmaschinen, wie sie selber alte Kleidung umarbeiten können – anstatt sie wegzuwerfen. Dahinter steht das Ziel, mehr Verantwortung für Kleidung zu übernehmen. Denn Upcycling und Recycling werden in der Mode immer wichtiger, nicht nur um Ressourcen zu schonen, sondern auch um einen neuen Lebensstil zu prägen.

Was waren die größten Hindernisse?

Das Nähatelier brachte kein Geld ein. Ich musste Geld zuschießen, obwohl wir von Anfang an enorm viele Aufträge hatten. Die Idee funktionierte also, das Problem war: Upcycling entspricht nicht herkömmlichen Ideen von wirtschaftlichem Wachstum. Fürs Upcycling können wir nicht viel Geld verlangen. Die Kunden zu beraten kostet Zeit, die wir nicht berechnen. Auch will ich meine Mitarbeiterinnen, die eine Schneiderund Design-Ausbildung haben, fair entlohnen. Ohne mein Mode-Label Lisa D hätte »Bis es mir vom Leibe fällt« nicht überlebt. Aber jetzt nach sieben Jahren und durch unsere Upcycling-Workshops an Schulen und anderen Bildungseinrichtungen beginnt das Atelier sich zu tragen.

Wie geht es weiter?

Ich möchte das Bildungsprogramm ausbauen: mehr Mitglieder, mehr Workshops, in denen die Teilnehmer lernen, wie sie Kleidung reparieren oder geliebte Erinnerungsstücke umnähen können. Ich möchte auch mehr an Schulen gehen, um Jugendlichen zu zeigen, dass gebrauchte Kleidungsstücke gerade durch Upcycling etwas Persönliches und Begehrenswertes bekommen können. Das Image von Secondhand-Klamotten und Style-Upcycling muss cooler werden. Toll wäre es, mit anderen Änderungsschneidereien und Design-Kollegen zusammenzuarbeiten: Ich würde gern eine Art Franchisesystem auf die Beine stellen.

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ZNadmin

Das Atelier »Bis es mir vom Leibe fällt« verwandelt Fast Fashion-Mode in langlebige und kostbare Einzelstücke. Schneiderinnen und Designerinnen reparieren, veredeln und verändern Kleidung und Textilien. Der angeschlossene Verein bietet offene Werkstätten, schulische und außerschulische Bildungsorte sowie Workshops zum Umgang mit Ressourcen, den Bedingungen weltweiter Textilproduktion und der Bewahrung alter Handwerks- und Kulturtechniken. Mit dem Slow Fashion-Ansatz setzt sich das Atelier somit gegen Massenproduktion und schlechte Arbeitsbedingungen in der Textilbranche ein. Ziel ist es, das Konsumverhalten zu verändern.