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Klimapolitik

»Ohne G20 geht es nicht«

Via ZEIT WISSEN • Christina Mikalo • 07.07.2017

Geschäftsführer und Wissenschaftler haben auf dem Solidaritätsgipfel in der Hamburger Kulturfabrik Kampnagel G20 kritisiert. Mit dabei war Imme Scholz. Mit ZEIT WISSEN sprach die stellvertretende Direktorin des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik darüber, weshalb man auf die Mächtigen beim Klimaschutz und der Ernährungssicherheit dennoch nicht verzichten kann.

ZEIT WISSEN: Frau Scholz, braucht es die G20-Staaten, um das Klima zu retten und die Ernährung zu sichern?

Imme Scholz: Ohne G20 geht es nicht. Man kann einen Umbau der Verkehrs- und Energiesysteme nicht nur »von unten« bewerkstelligen. Gleiches gilt für eine Landwirtschaft, die weniger inputintensiv sein und nicht mehr so viel Energie verbrauchen soll. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und politischen Entscheidungen legen ja nunmal die Regierungen fest. Insofern muss man versuchen, mit der G20 zusammenzuarbeiten. Wie das gehen soll, das ist momentan Teil der politischen Debatte. So ist das Thema Klimapolitik derzeit noch in Verhandlung. Fraglich ist aber, ob es gelingen wird, einen Konsens mit allen G20-Staaten herzustellen, der noch etwas bedeutet.

ZEIT WISSEN: Falls es zu keiner Einigung kommt – wie kann jedes Land selbst aktiv werden?

Imme Scholz: Wichtig ist, dass man Strategien entwickelt, die bis zur Mitte des Jahrhunderts gehen. Im Falle der Industriestaaten könnte man zum Beispiel sagen: Bis 2050 müssen wir eine fünfundachtzig- bis neunzigprozentige Emissionsreduzierung erreichen. Wenn das das Ziel ist, müssen Szenarien entwickelt werden, die kalkulieren, mit welchen technischen Optionen das möglich ist. Auch die Kosten und Wirkungen auf die Beschäftigungsverhältnisse und wirtschaftliche Aktivität sollten bedacht werden. Es muss klar werden, welche Optionen am günstigsten sind.

Günstig heißt für mich aber nicht nur, die Emissionen zu senken. Auch die sozialen Kosten der Klima-Maßnahmen sollten nicht zu hoch sein. Welche Übergangsstrategien haben wir beispielsweise für Braunkohle? Wie kann man in den betroffenen Regionen die Beschäftigung sichern?

Schließlich geht es auch um ökologische Kosten. Nicht alle erneuerbaren Energien sind aus menschenrechtlicher, sozialer oder ökologischer Sicht völlig unbedenklich. Für diese Risiken sollten die Länder einen stärkeren Blick bekommen.

ZEIT WISSEN: Wie sieht es künftig in puncto Klimaschutz und Ernährungssicherheit aus?

Imme Scholz: Zukunftsszenarien hat der Weltklimarat entwickelt: Wir gehen davon aus, dass unser Energieverbrauch drastisch sinken wird. Zudem werden wir wohl enorme Fortschritte im Bereich der Energieeffizienz machen. Ein anderer Bereich sind die negativen Emissionen. Das sind Landnutzungsformen, die der Atmosphäre durch Pflanzenwachstum aktiv CO2 entziehen. So etwas würde aber enorme Flächen beanspruchen, die in Konkurrenz zum Naturschutz oder zur Landwirtschaft treten könnten. Solche Konflikte lassen sich nur abwenden, indem man schon jetzt möglichst viel zur Vermeidung von Emissionen tut. Dazu braucht es veränderte Verbrauchs- und Konsummuster. Wenn man zum Beispiel weniger Fleisch zu sich nimmt, wird der Flächenverbrauch der Landwirtschaft nicht weiter erhöht. Meiner Meinung nach sollten diese strategischen Dimensionen in der Klima- und Energiepolitik in der nächsten Zeit stärker in den Vordergrund rücken.

ZEIT WISSEN: Würden Sie, um die Klima- und Ernährungspolitik zu verändern, mit Konzernen wie Monsanto zusammenarbeiten?

Imme Scholz: Aus meiner Sicht stehen die großen Agrar- und Chemiekonzerne vor der Frage: Wollen sie so enden wie EON und RWE? Oder erkennen sie rechtzeitig die Zeichen der Zeit und verändern ihr Geschäftsmodell? Auf der Jahreskonferenz des Nachhaltigkeitsrats Ende Mai haben wir darüber mit einem Vertreter von Bayer – die ja vor der Übernahme von Monsanto stehen – diskutiert. Seine Antwort war: Wir haben ein ökologisches Geschäftsfeld, aber wir haben eben auch Monsanto. Es war nicht deutlich, dass dem Konzern klar ist, welche strategischen Unterschiede da bestehen. Aus der Perspektive einer menschen- und umweltgerechten Landwirtschaft sind andere Weichenstellungen erforderlich.

Insofern ist es, denke ich, eine Frage an Bayer, wie sie ihr Kerngeschäft definieren – und ob sie sich damit als Partner für eine zukunftsfähige Energie- und Landwirtschaft qualifizieren.

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