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Umwelt

Plastikfluten

Via ZEIT WISSEN • Jacqueline Haddadian und Filipa Lessing • 18.07.2018

150 Millionen Tonnen Plastikmüll befinden sich gegenwärtig in unseren Ozeanen – mindestens. Forscher suchen neue Lösungen

Ob Wurstverpackung, Mehrfachstecker oder Autoreifen – Plastik ist aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Allein seit den 50er-Jahren wurden 8,3 Milliarden Tonnen des Wundermaterials hergestellt – das entspricht einem Gewicht von fast 23.000 Empire State Buildings. Das Problem: Plastikmüll baut sich nicht biologisch ab. Und nur maximal zehn Prozent des Plastikmülls weltweit werden recycelt. Ein Großteil des Mülls gelangt über Abwässer und Flüsse in die Meere. Forscher rechnen damit, dass es dort schon 2050 mehr Plastik als Fische geben wird.

Wie aber kann man diese Plastikflut dämmen? Beim 28. Meeresumwelt-Symposium in Hamburg stand diese Frage im Zentrum. Dreißig Referenten aus Forschung, Industrie und Politik diskutierten dort Probleme und Lösungen. »Wir produzieren sehr viele Kunststoffprodukte und exportieren sie in Länder, in denen keine oder nur unzureichende Abfallentsorgungsstrukturen zur Verfügung stehen«, erklärt Stefanie Werner vom Umweltbundesamt. Einmal ins Meer gelangt, zersetzen Salz, Wellen und UV-Strahlen das Material zu immer kleineren Teilen. 450 Jahre dauert das bei einer Wegwerfwindel, bei einem Fischernetz sogar 600 Jahre. Ob sich das Material irgendwann komplett zersetzt, ist umstritten.

Sicher ist: Dieses Mikroplastik, wie die unter fünf Millimeter großen Teilchen genannt werden, ist längst in der Nahrungskette angekommen. Es bleibt an Algen und kleinen Meerestierchen hängen und wird von größeren Fischen oder Vögeln mit tierischen Leckereien verwechselt. Bilder von Meeresbewohnern, die mit einem Magen voller Plastik verenden oder sich in den Kunststoffabfällen verheddern, gehen immer wieder durch die internationale Presse. Doch damit nicht genug: An den kleinen Plastikteilchen reichern sich Pestizide und Krankheitserreger an. Auch die gelangen in die Nahrungskette – bis auf die Teller der Menschen.

Gesetzliche Verordnungen sollen das Problem nun stoppen: Die europäische Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie etwa, kurz MSRL, verpflichtet  die Mitgliedsstaaten zum Schutz und nachhaltigen Nutzen der europäischen Gewässer. Bis 2020 sollen diese »im guten Umweltzustand« sein – Plastikmüll soll also keine schädlichen Auswirkungen mehr auf die Küsten- und Meeresumwelt haben. Neben einem effektiveren Abfallmanagement heißt das vor allem: Plastik vermeiden und nach umweltgerechten Alternativen suchen. Nach dem Verursacherprinzip sind zudem die Hersteller von Plastik dafür verantwortlich dessen Schäden zu beseitigen.

Gerade in der Designphase von jedem Produkt müsse daher über dessen Umweltverträglichkeit nachgedacht werden, so Stefanie Werner: »Meeresmüll ist unseren Konsum- und Produktionsmustern geschuldet, da am Anfang der Lebensphase eines Produktes gar nicht mitgedacht wird, was passiert, wenn dieses Produkt mal in die Umwelt gerät.« Denn trotz der Umweltrisiken ist die Beliebtheit des Materials ungebrochen: »Plastik ist haltbar - und genau das macht ihn für viele Branchen und Menschen so schwer verzichtbar«, erklärt Andrea Stolte vom WWF-Ostseebüro in Stralsund. Als Beispiel nennt die Projektmanagerin die großen Fischernetze: »Selbst die braunen und natürlich aussehenden Netze sind aus Plastik.« Gehen sie auf dem offenen Meer verloren, hinterlassen sie als Geisternetze eine Schneise der Zerstörung im marinen Ökosystem. Allein zwischen 2005 und 2008 sind in der Ostsee bis zu 10.000 solcher Netze abhanden gekommen.

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