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© Jan Richard Heinicke
Nachhaltiges Bauen

So bauen wir der Menschheit eine Zukunft

Via ZEIT WISSEN • Werner Sobek • 16.04.2019

Wir müssen mehr Häuser mit weniger Material errichten und beim Entwurf das Recycling gleich mitdenken. Das ist unsere einzige Chance. Sagt der Architekt Werner Sobek

Mehr Häuser zu bauen – mit weniger Material: Das klingt wie eine Utopie? In meinen Augen muss dies zwingend unser Ziel sein. Derzeit erdenkt kaum jemand die Welt von morgen; wir stolpern eher in sie hinein, in einer Abfolge einzelner Schritte, die zumeist kurzfristig erforderlich gewordene Reaktionen sind. Dabei müssen wir jetzt einen wohlüberlegten Weg in die Zukunft finden. Und Ziele, an denen wir uns orientieren können.

Es liegen Herausforderungen vor uns wie Bevölkerungswachstum, Migrationsbewegungen, Klimawandel und das Versiegen von Stoffströmen. Und gleichzeitig müssen wir gigantische soziale, wirtschaftliche und ökologische Probleme bewältigen. Dies kann nur gelingen, indem wir anders bauen: indem wir zum einen den enormen technologischen Rückstand des Bauwesens aufholen (beispielsweise durch die komplette Vorproduktion unserer Häuser in Fabrikhallen) und indem wir zum anderen mit wesentlich weniger Material als bisher wesentlich mehr gebaute Umwelt schaffen.

Ein Beispiel: Jedem Bundesbürger »gehören« rund 490 Tonnen Baustoffe – zusammengesetzt aus seinem jeweiligen Anteil an Infrastruktur sowie an öffentlichen und privaten Hochbauten. Gleichzeitig wächst die Weltbevölkerung statistisch gesehen jede Sekunde um 2,6 Menschen. Wollten wir jeden neugeborenen Erdenbürger mit einem baulichen Standard versorgen, wie wir ihn in industrialisierten Ländern wie Deutschland vorfinden, müssten wir pro Sekunde nahezu 1300 Tonnen Baustoffe gewinnen und verbauen. Dies ist nicht möglich. Die hierzu erforderlichen Mengen sind nicht vorhanden beziehungsweise nur durch schwerwiegende Schädigungen der Umwelt zu gewinnen.

Das berührt einen zweiten Punkt: Im Pariser Klimaschutzabkommen wurde vereinbart, dass die gesamte Energieversorgung der Welt bis zum Jahr 2050 frei von CO₂-Emissionen sein soll. Das ist eine der Voraussetzungen, um das 2-Grad-Ziel zu erreichen. Würden wir bis 2050 jedem Menschen eine so große Baustoffmenge zubilligen, führten allein die CO₂-Emissionen, die mit deren Herstellung zusammenhängen, zu einer Verfehlung des Ziels – ohne Berücksichtigung sonstiger Emissionen aus Verkehr und Produktion, die natürlich noch hinzugerechnet werden müssen.

Das rückt die Frage in den Mittelpunkt, was eigentlich die einem menschlichen Leben angemessenen Ressourcenverbräuche sind. Weder heute noch 2050 kann jeder Mensch über den hohen Wohnstandard verfügen, den wir in Mitteleuropa kennen. Wenn wir aber die bereits heute vorhandenen sozialen Ungleichheiten bestehen lassen oder gar verschärfen, wird eine weitreichende soziale und politische Destabilisierung die Folge sein. Das Bauwesen steht weltweit für rund 35 Prozent des Energieverbrauchs, für etwa 35 Prozent der Emissionen, für rund 60 Prozent des Ressourcenverbrauchs sowie für fast die Hälfte des Massenmüll-Aufkommens. Das zeigt sehr eindringlich, wie groß die Verantwortung des Bauschaffens ist.

Deshalb arbeite ich mit meinen Teams an der Universität Stuttgart und in meinen Büros an Zielsetzungen, die weit über den Tag hinausgehen, und unter der Vorgabe, dass heute Geplantes morgen umsetzbar und verantwortbar sein muss. Es könnte zu einer Lösung der vor uns liegenden Probleme beitragen, wenn wir eine neue, zukunftsweisende Art des Bauens finden, die unter folgender übergeordneten Losung steht: natura mensura. Nicht der Mensch (homo mensura), nicht ein Gott (deus mensura), sondern die Natur sollte das Maß aller Dinge sein. Unter dieser Leitlinie wären die weiteren Zielsetzungen so zu skizzieren: 1. Es geht darum, für mehr Menschen mit weniger Material zu bauen. 2. Es geht darum, alle Baustoffe in einen Recyclingprozess einzugliedern. 3. Es geht darum, ab sofort keinen gasförmigen Abfall mehr in die Atmosphäre zu emittieren.

Beim Bauen können wir auf fossile Quellen verzichten: Die Sonne liefert mehr Energie, als wir brauchen

Das Einsparen von Energie ist hierbei wohlweislich nicht als Zielvorgabe aufgeführt, denn: Die Menschheit hat kein Energieproblem. Unsere heutigen Schwierigkeiten werden dadurch ausgelöst, dass wir fossile Energieträger zur Energiegewinnung verbrennen. So werden Emissionen erzeugt, die wesentlich zur Erderwärmung beitragen. Zukunftsfähigkeit bedeutet also nicht Energiesparen oder Energieeffizienz im Allgemeinen – sondern den radikalen Verzicht auf die Nutzung von Energie aus fossilen Trägern. Und das ginge: Allein durch die Sonneneinstrahlung trifft rund 10.000-mal mehr Energie auf die Erde, als die Menschheit benötigt.

Anstatt den Ausstieg aus der Verbrennung fossiler Träger zu fördern, hat man sich hierzulande in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten jedoch lieber auf die sogenannte Energieeffizienz kapriziert. Durch diese Fokussierung haben Planer, Bauherren und Politiker lange Zeit vor allem das Thema Wärmedämmung betrachtet. Diese ist als solche nichts Schlechtes. Aber sie ist nicht die allein selig machende Lösung – und erzeugt in der heutzutage angewandten Form allzu oft Sondermüll. Wenn die Baugesetzgebung vorschreibt, dass Außenwände, Fenster oder Dächer bestimmte Wärmedämm-Eigenschaften aufweisen müssen, dann unterbindet sie damit alle anderen Lösungsansätze. Anders gesagt: Es kommt doch nicht darauf an, dass ein Gebäude eine bestimmte Dämmqualität besitzt – sondern vielmehr darauf, dass ein Gebäude keine fossil basierte Energie verbraucht. Der Gesetzgeber aber schreibt die Anwendung einer Konstruktionsmethode und nicht die Erreichung eines Ziels vor. Damit vernebelt er, worum es eigentlich geht. Und er verhindert Innovationen.

Hätte man sich bereits früher konsequent auf den Weg einer ausschließlich auf Sonneneinstrahlung oder auf Gravitationseffekten basierenden Energiegewinnung konzentriert, könnte die Menschheit schon heute ohne CO₂-Emissionen aus fossilen Brennstoffen leben. Dies ist eine der wichtigsten Aufgaben, die in den kommenden Jahren angegangen und bewältigt werden müssen. Sicherlich ist im Bereich der Gewinnung, Speicherung und Nutzung von Energie aus nachhaltigen Quellen noch viel Entwicklungsarbeit erforderlich. Die Grundlagen sind aber vorhanden. Sie können und sollten zeitnah in großem Maßstab umgesetzt werden.

Es geht also um nichts anderes als um ein Verbot der Nutzung fossiler Energieträger beim Bau und Betrieb unserer gebauten Umwelt. Das wird bitter und schwierig in der politischen Durchsetzung; deswegen geht es jetzt darum, Zusammenhänge klar darzulegen und darauf aufbauend schnell umzudenken und zu handeln. Dieses gilt nicht nur für den Betrieb unserer Gebäude, sondern auch und insbesondere für all das, was vor ihrer Fertigstellung geschieht.

Das Stichwort lautet »graue Energie«: Diese bis zur Fertigstellung in ein Gebäude investierte Energie (in Form der dort verbauten Materialien) ist typischerweise größer als die Energiemenge, die in der späteren Nutzungsphase verbraucht wird. Diese graue Energie wird bislang noch zu großen Teilen aus fossilen Quellen erzeugt. Das heißt, die dabei entstehenden Emissionen wirken bereits vor dem Bezug eines Hauses auf die Atmosphäre. Die Emissionen, die beim Betrieb der Gebäude entstehen, tun dies dagegen erst von dem Zeitpunkt des tatsächlichen Verbrauchs an – und, da sich diese Emissionen über einen langen Zeitraum verteilen, mit einer viel geringeren zeitlichen Hebelwirkung.

Ein Beispiel: Nach 50 Jahren Nutzung ist der Beitrag zur Erderwärmung aus denjenigen Emissionen, welche durch die in einem Gebäude verbaute graue Energie induziert wurden, rund doppelt so hoch wie der Beitrag, der durch den Betrieb des Gebäudes selbst entstanden ist. Es ist also viel sinnvoller, die Menge an verbautem Material und damit die verbaute graue Energie zu minimieren, als lediglich Energieeffizienz in der Phase der konkreten Nutzung zu fordern.

Unsere Untersuchungen zu den zukünftig erforderlichen Stoffströmen haben außerdem gezeigt, dass der weltweit weiterhin stark zunehmende Bedarf an gebauter Umwelt nur dann befriedigt werden kann, wenn es gelingt, die eingesetzten Materialmengen drastisch zu reduzieren. Natürlich gibt es eine Vielzahl von Baustoffen, die auch bei einem anhaltenden Bevölkerungswachstum noch beruhigend lange vorhalten. Für viele andere – darunter etwa Zinn, Zink, Kupfer oder sogar Sand (zumindest in der für die Betonherstellung erforderlichen Qualität) – gilt dies jedoch nicht. Auch die vermehrte Verwendung nachwachsender Rohstoffe wie Holz kann die heraufziehenden Probleme nicht lösen, sondern allenfalls dämpfen.

Neben der Verkleinerung der Menge der beim Bauen verwendeten Ressourcen muss es auch darum gehen, diese Ressourcen für eine spätere Wiederverwendung zugänglich zu machen. Ein design for disassembly, also ein recyclinggerechtes Konstruieren und Bauen, ist aus zwei Gründen das Gebot der Stunde: Zum einen reduziert es das Volumen der neu zu gewinnenden Baumaterialien. Zum anderen minimiert oder eliminiert es die Menge an Abfall, der nicht in technische oder natürliche Stoffkreisläufe zurückgeführt werden kann.

Gemeinsam mit meinen Mitarbeitern an der Universität und in meinen Büros habe ich mich in den vergangenen 25 Jahren mit der Frage auseinandergesetzt, wie wir mit weniger Material und Emissionen für immer mehr Menschen eine verantwortbare und menschenwürdige gebaute Umwelt schaffen können – und wie wir diese gebaute Umwelt planen, bauen, betreiben und später einmal zu 100 Prozent in technische oder biologische Kreisläufe zurückführen können.

Unter anderem haben wir mit dem Gradientenbeton eine Betontechnologie entwickelt, mit der man mehr als 50 Prozent Material einsparen kann. Andere Forscherinnen und Forscher haben vergleichbar wichtige Beiträge geleistet. Ansätze sind also reichlich vorhanden – es muss aber auch der gesellschaftliche Wille da sein, sie umzusetzen. Wir brauchen einen Bewusstseinswandel – und wir müssen hierfür die erforderlichen gesetzlichen Rahmenbedingungen schaffen. Der Markt allein kann und wird es nicht richten.

Der Markt ist zwar ein sich selbst organisierender Prozess kollektiven Handelns. Er ist aber an keinem kollektiven Ziel orientiert und hat als solcher weder Moral noch Gewissen. Die Gesellschaft selbst muss wissen, was sie will – und der Gesetzgeber hat diesen Willen in Zielvorgaben abzubilden und umzusetzen. Der Gesetzgeber sollte gleichzeitig aufhören, die anzuwendenden Methoden vorzuschreiben anstatt die zu erreichenden Ziele. Wie Architekten und Ingenieure die gesamtgesellschaftlich entwickelten Ziele erreichen, sollte deren Innovationskraft überlassen bleiben. Man muss den Menschen die Freiheit lassen, die für ihren Verantwortungsbereich jeweils besten Werkzeuge und Methoden zu entwickeln.

In seiner Enzyklika Laudato si’ – Über die Sorge für das gemeinsame Haus hat Papst Franziskus sinngemäß gesagt: Warum sollen wir denjenigen unsere Zukunft anvertrauen, die über viele Jahrzehnte bewiesen haben, dass sie die Welt nicht lenken können? Ich bin der Überzeugung, dass die notwendigen Impulse von den Bürgern kommen müssen, denn sie sind der politische Souverän. Die großen Teile der Politik, der Wissenschaft und auch des Bürgertums, die sich allzu gemütlich in ihren jeweiligen Teilwelten eingerichtet haben, ohne dabei den dringend erforderlichen offenen Diskurs über unsere tatsächlichen Probleme und über unsere gemeinsame Zukunft zu führen: Sie müssen aufgeweckt werden.

Wir haben an den Universitäten tolle junge Menschen, die sich um ihre Zukunft kümmern

Hoffnung machen mir dagegen meine Studierenden. Das sind tolle junge Menschen, die Fakten zusammentragen, die sich um ein Verständnis äußerst komplexer Zusammenhänge bemühen und die sich von selbst auf die Suche nach neuen Ansätzen und Lösungen begeben. Sie kümmern sich um ihre Zukunft, um ihre Welt, weil wir es nicht getan haben. Ich glaube fest, dass es mit ihrer Hilfe gelingen wird, die eingangs skizzierte Utopie zeitnah umzusetzen.

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Prof. Werner Sobek ist Architekt und beratender Ingenieur. Er leitet das Institut für Leichtbau Entwerfen und Konstruieren (ILEK) der Universität Stuttgart und ist Gründer der Firmengruppe Werner Sobek, einer weltweit tätigen Gruppe von Planungsbüros für Engineering, Design und Nachhaltigkeit.