Besuchen Sie ZEIT WISSEN auf Facebook English Version
Fair Reisen

Was ist guter Tourismus?

Via ZEIT WISSEN • Anja Leuschner • 11.12.2018

Was mich eine Reise nach Indien über Nachhaltigkeit lehrte.

Mein Bruder und ich machten uns zum ersten Mal zu zweit auf solch eine lange Reise in ein uns völlig fremdes Land. Zwei Studierende, die von ihrem Vater gelernt haben, dass man die Welt bereisen muss, um sie kennenzulernen und um sie zu verstehen. Erster Stopp: Neu Delhi, die Hauptstadt dieses gigantischen Landes und Heimat von bald 30 Millionen Menschen. Wie lernt man eine solche Stadt am besten und vor allem am schnellsten kennen? Unsere Antwort: Mithilfe von Google Maps die zeitsparendste Route heraussuchen, einem Fahrer die Liste der Sehenswürdigkeiten in die Hand drücken, die man sehen möchte, und los geht’s.

Wir haben es geschafft, das meiste aus der begrenzten Zeit herauszuholen. Trotzdem stellte sich ein schlechtes Gewissen ein. Dass diese Art zu reisen dem Klima, der Stadtluft und somit auch den Menschen schadet, ist bekannt: Der Flug, die Autofahrten. Für die Zeit in Indien hatte ich mir extra eine Atemmaske gekauft – das kam mir nun zynisch vor. Ein Großteil unseres Budgets floss zudem an eine große westliche Hotelkette.

Spricht man mit Expertinnen für nachhaltigen Tourismus, hatten wir wohl so ziemlich alles falsch gemacht. »Tourismus sollte dazu beitragen, die Bedingungen der Menschen vor Ort zu verbessern«, sagt Laura Jäger. Sie ist Reiseexpertin bei der Organisation »Brot für die Welt«. »Man sollte möglichst knappe Ressourcen schonen. Man kann sich also überlegen: Brauche ich in einer von Dürre betroffenen Region einen Pool? Wie oft muss ich dort am Tag duschen? Man kann aber auch vor Ort sehr gut dafür sorgen, dass das Geld, das man ausgibt, wirklich bei den Menschen ankommt, indem man zum Beispiel lokale Produkte und Dienstleistungen bevorzugt, dass man kleine familiengeführte Hotels statt internationaler Ketten wählt.«

An unserem zweiten Ziel in Indien wählten wir das Tree of Life Resort in der Nähe von Jaipur, der Hauptstadt des Bundesstaates Rajasthan. Ein Staat, der von Hitze und geringem Niederschlag gezeichnet ist. Das Hotel umfasst 13 Villen und ist sehr auf Nachhaltigkeit bedacht. Es arbeitet eng mit den Menschen aus dem benachbarten Dorf zusammen, beschäftigt viele Einheimische und kauft die Lebensmittel für die Hotelküche bei den Bauern ein. An einem Tag haben wir das Dorf besucht. Ein Bauer holte uns an einem Morgen mit seinem klapprigen Traktor ab. Wir durften auf dem Anhänger zusammen mit einem Hotelangestellten und einem weiteren Dorfbewohner mitfahren. In dem Dorf gingen wir über die Felder, ernteten selbst etwas Zuckerrohr und bekamen viel über das Leben in Rajasthan erzählt. Auch nahm man uns mit in den lokalen kleinen Tempel und in Privathäuser. Der Hotelangestellte dolmetschte. Wir sahen, dass das Geld, das wir in diesen Teil unserer Reise investierten, bei der Bevölkerung ankam. Die Menschen begegneten uns sehr offen und freundlich. Erst nach diesen Tagen hatten wir das Gefühl: »Wir waren in Indien.«

Negative Spuren haben wir trotzdem hinterlassen. Vor allem durch unsere Flugreisen. »Die Achillesferse des Tourismus ist vor allem die Mobilität«, sagt Martina Shakya, Professorin an der Hochschule Heilbronn. Sie erforscht nachhaltigen Tourismus. »Rund acht Prozent der globalen CO²-Emissionen sind auf den Tourismus zurückzuführen«, sagt sie. Aber: »Reisen bildet, und Menschen sind schon immer gereist. Das Reisen jetzt wegen des Klimawandels zu verdammen, halte ich für kontraproduktiv.« Als Faustregel empfiehlt Shakya: Je weiter die Reise, desto länger sollte man bleiben. Auf Kurztrips mit dem Flugzeug sollte man möglichst verzichten. »Es kann doch nicht sein, dass manche Menschen nur noch den Wochenendtrip nach Malle oder die Shopping-Woche in New York als reizvoll betrachten. Wir sollten entschleunigen und fragen: Macht uns dieses schnelle Reisen wirklich glücklich? Erholen wir uns da überhaupt?« Die meisten Menschen seien sich durchaus der Konsequenzen ihrer Reisen bewusst, hat Shakya festgestellt. »Viele Menschen sind ansprechbar für Fragen der Nachhaltigkeit, aber sie verknüpfen das nicht mit ihrem eigenen Verhalten. Und das ist problematisch. Wir müssen Wege finden, Verhaltensänderungen herbeizuführen.«

Müssen wir das wirklich? Michael Kopatz formuliert in seinem Artikel Erlöst endlich die Konsumenten! einen anderen Vorschlag: »Lasst uns Strukturen ändern statt Menschen. Anders gesagt: Verhältnisse ändern Verhalten. Erlöst die Konsumenten von den permanenten Moralappellen! Die machen nur schlechte Stimmung und bewirken kaum etwas. Stattdessen sollten wir die Standards heben und Limits definieren.« Diese von Kopatz vorgeschlagene Ökoroutine könnte man auch auf den Tourismus anwenden. Die Preise für das Fliegen würden steigen. Eine Flugreise wäre wieder etwas Besonderes. Wahrscheinlich hätte ich dann länger sparen müssen, um mir einen Urlaub in Indien leisten zu können. Aber vielleicht hätte ich ihn dann umso mehr genossen.

Bild des Benutzers ZNadmin
von
ZNadmin