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© Phil Dera
ZEIT WISSEN-Kongess 2019

Wenn Idee auf Erfahrung trifft …

Wie gelingt der Schritt vom Wissen zum aktiven Handeln? Start-up und Unternehmen, Wissenschaft und Finanzier, Jung und Alt trafen bei den Tischgesprächen aufeinander.

Der Unternehmer Hans-Dietrich Reckhaus zum Beispiel äußerte scharfe Wachstumskritik. Mit der Neuorientierung seines Familienunternehmens in Richtung Insektenschutz hat er selbst das beste Beispiel für einen radikalen Neustart abgeliefert. Damit gibt er sich aber noch längst nicht zufrieden: »Die Politik verkauft uns Wachstum als Fortschritt.« Der Entrepreneur fordert dagegen ein »neues wertebasiertes Konsumverhalten«.

Die engagierte Bürgerin Olga Masur gelangte zu einer ähnlichen Einschätzung. Sie zitierte Studien, die die psychologische Seite des Shoppings beleuchten: »Die Konsumindustrie ist auf unglückliche Menschen angewiesen.« Je glücklicher man sei, desto weniger würde man konsumieren müssen. Doris Knickmeyer, Gründerin von Zero Waste Barcelona Network, drehte die Diskussion in Richtung Generationenkonflikt weiter. Als sich am Tisch Politiker für eine kräftige Erhöhung der Energiesteuer aussprachen, konterte die junge Frau: »Sie haben gut reden – Sie haben finanziell ausgesorgt.

Für uns Jüngere sieht das anders aus!« Auf keinen Fall dürfe man die Fehler Frankreichs wiederholen – darüber herrschte Einigkeit. Einnahmen müssten sozial gerecht auch an Schwächere verteilt werden. Schließlich habe die Verbrennung fossiler Brennstoffe das Vermögen der Reichen gemehrt.

Wie aber das Thema Mobilität zukunftsfähig anpacken? Enrico Howe, Head of Business Development beim Verkehrsmittel-Datenprovider Motiontag, stellte seine Smartphone-Software vor, die nicht nur erkennt, wann und wo Menschen sich bewegen, sondern auch, mit welchen Verkehrsmitteln. Mobilitätsmuster dieser Art, so meint das Berliner Start-up, könnten in puncto Stadtentwicklung auch für Kommunen interessant werden.

Valentin Rudloff, Berliner Freiberufler für Recherche und Projektmanagement, präsentierte wiederum Tracks, eine Lösung für »schmutzige Autobahnen« – das funktioniere, salopp gesagt,wie »Tinder für Trucks«. Flottenübergreifend würden platoonfähige Lastwagen zusammengeführt, sodass der hinterherfahrende Truck im Windschatten autonom navigieren könne. Sechs Tonnen Kohlendioxid ließen sich so pro Truck im Jahr vermeiden.

Nienke Berger, Referentin für Nachhaltigkeit beim Kupferkonzern Aurubis, verwies auf die Vorbildfunktion der Niederlande: »Jeder Manager fährt dort im Anzug per Fahrrad zur Arbeit.« Dem Argument, da müsse man ja Duschen im Büro installieren, begegnete sie mit dem Benefit der Entschleunigung. Dem stimmte der Studierende Tobias Fischer zu: »In meiner Generation ist es überhaupt nicht mehr cool, ein Auto zu besitzen.« Sein Vorschlag: Warum nicht die Geschwindigkeit des innerstädtischen Autoverkehrs auf 30 Stundenkilometer begrenzen? Das würde auch das Radfahren viel sicherer machen.

Und wie sieht es mit neuen Technologien in einer smarten City aus? Das Berliner Start-up »LeafTech will über Machine Learning Algorithmen den Energiebedarf von Gebäuden messen und intelligente Entscheidungen treffen lassen. Geschäftsführer Michael Dittel: »So optimieren wir Heizungs-, Klimatisierungs- oder Sonnenschutzsysteme.« Aus der Wissenschaft gibt es dafür Applaus. Professor Tilman Santarius, Themenkoordinator »Digitaler Wandel« an der TU Berlin, spricht vom »großen Potenzial der digitalen Haustechnik«. Smart-Home-Lösungen könnten sich in zwei bis drei Jahren amortisieren.

Haris Sefo hat mit Breeze Technologies eine Idee entwickelt, wie man die Luftverschmutzung in urbanen Räumen bekämpft. »Laut Weltgesundheitsorganisation sterben jährlich weltweit sieben Millionen Menschen an schlechter Luft.« Das Hamburger Start-up wertet nicht nur Daten aus und bereitet sie in einer informativen Bürgerplattform verständlich auf, sondern empfiehlt aus einer Datenbank von 3 000 Maßnahmen auch die jeweils sinnvolle.

Das Bestreben von zolar, einem Start-up, dass bei Planung und Kauf von Solaranlagen berät, ist, so Gründer Alex Melzer, »eine Solaranlage auf jedem Dach der Welt«. Seine Vision: »Jeder Einzelne kann sich mit 100 Prozent erneuerbarer Energie gegen den Klimawandel stemmen.« Und das funktioniere sogar mit Batterien, sodass man künftig die Akkus für Elektroautos preisgünstig zu Hause laden könne.

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