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© Pawel Czerwinski | unsplash
Die Wissenschaftlerin Prof. Christina Dornack der TU Dresden fordert ein Umdenken und zeigt Lösungswege

»Kreislaufwirtschaft ist mehr als nur Recycling«

Via DIE ZEIT • Cornelia Heim • 14.09.2020

Wenn alle so lebten wie in Deutschland, bräuchte die Welt drei Erden. Mit Recycling allein sei die Welterschöpfung nicht zu bremsen. Doch man müsse nicht auf Wohlstand verzichten, meint die Kreislaufwirtschafts-Expertin Prof. Christina Dornack, aber das Bewusstsein ändern: Sharen statt besitzen könnte eine Lösung sein.

Der »Welterschöpfungstag 2020« war wegen der Corona-Pandemie drei Wochen später. Es wurden dieses Jahr also weniger Ressourcen verbraucht – ein gutes Zeichen?

Prof. Christina Dornack: Ob es uns wirklich gelungen ist, Abfallstoffe zu Rezyklaten so zu verarbeiten, dass sie Primärrohstoffe qualitativ ersetzen und damit zur Ressourceneinsparung beitragen können, scheint mir fraglich. Fest steht doch, dass wir coronabedingt deutlich mehr Verpackungen genutzt haben aufgrund des stark gestiegenen Onlineshoppings.

Die Weltbevölkerung braucht 1,6 Erden, um ihren Ressourcenverbrauch zu kompensieren. Würden alle Menschen wie in Deutschland leben, benötigten wir sogar drei Erden. Kann die Kreislaufwirtschaft die Lösung sein?

Dass wir drei Erden verbrauchen, liegt an unserem Lebensstil. Jeder von uns hat vergleichsweise viel Fläche zum Wohnen und Leben zur Verfügung. Auch dass wir lieber Dinge besitzen – es fällt uns schwer, zu teilen. »Sharen«, also etwas gemeinsam nutzen, das könnte eine Alternative sein. Warum hat im Mehrfamilienhaus jeder Haushalt eine eigene Waschmaschine im Keller? Warum verkaufen Unternehmen Produkte, statt dass sie Serviceleistungen anbieten? Dann würden wir nicht für Waschmaschinen bezahlen, sondern für den einzelnen Waschgang. So etwas wie Obsoleszenz …

… das Veralten von Produkten oder die bewusste Begrenzung der Haltbarkeit ...

… würde viel weniger bedeutsam, Produkte langlebiger. Wir müssen an vielen verschiedenen Enden anfassen und können die Welt nicht von heute auf morgen ändern. Aber wir könnten Modelle erschaffen, die uns unseren Komfort beibehalten lassen und trotzdem zur Ressourcenschonung führen.

Deutschland gilt als Recycling-Weltmeister. Die Verpackungsverordnung aus dem Jahr 1991 hat einen ganz großen Beitrag geleistet, dass wir ein sehr gutes Abfallwirtschaftssystem installiert haben.

Durch die Produktverantwortung ist jeder, der Produkte auf den Markt bringt, auch für deren Entsorgung verantwortlich. Damit konnten wir ein System entwickeln, das auch finanziell hinterlegt ist. Und die Deutschen sind sehr diszipliniert, sie halten sich im internationalen Vergleich sehr gut an die Trennung.

Aber offenbar stammen nur 10,4 Prozent unserer Produktionsmittel aus sekundären, also wiederverwerteten Rohstoffen – damit stecken wir doch noch absolut in den Kinderschuhen der Kreislaufwirtschaft?

Das sieht in den einzelnen Branchen sehr unterschiedlich aus: Altpapier zum Beispiel ist der wichtigste Rohstoff für die Papierherstellung. Da liegt die Recyclingquote bei fast 80 Prozent, und wenn Faserverluste und Additive eingepreist werden, landen wir bei etwa 60 Prozent. Beim Kunststoff sieht es dramatischer aus, weil es auch sehr langlebige Kunststoffprodukte gibt. Da liegt die Wiedereinsatzquote nur im einstelligen Bereich.

Aromabarrieren bei Lebensmittelverpackungen oder Flammhemmer für elektronische Geräte machen das Recycling von Kunststoff kompliziert?

Wegen dieser Zusatzstoffe bekommen wir für den Wiedereinsatz qualitativ niederwertige

Rezyklate heraus, die sich zwar für Mörtelkisten oder Parkbänke eignen – aber damit können wir ja nicht die ganze Welt zustellen! Es muss uns künftig gelingen, Rezyklate höherwertig einzusetzen, das ist unsere Aufgabe als Wissenschaftler.

Damit Kreislaufwirtschaft funktioniert, müssten 50 bis 70 Prozent wiederverwerteter Materialien kursieren. Stimmt das?

An solchen Statistiken orientieren wir uns nicht. Wir sind Ingenieure und schauen uns Einzelfalllösungen an. Wir überlegen zum Beispiel: Wie kann eine Verpackung für ein Reinigungsmittel aussehen, sodass sie zu 100 Prozent recyclingfähig ist und zu 100 Prozent als Rezyklat wiederhergestellt werden kann? Auf welche Additive, auf welche Kunststoffverbunde kann man verzichten? Wo kann man eventuell auf eine besondere Optik zugunsten der Recyclingfähigkeit verzichten? Ausgangspunkt aller Überlegungen ist immer das einzelne Produkt.

Warum klappt es bei Materialien wie Kupfer und Stahl gut?

Gerade bei Metallen gehen wir in der Wiederaufbereitung in die metallurgischen Verfahren rein, mit denen die Metalle auch als Primärmetalle gewonnen werden. Da haben wir also keinen Verlust an Produktqualität. Das sekundäre Material hat die gleichen Eigenschaften wie das primäre Material. Das funktioniert auch bei Glas recht gut, bei Papier oder Kunststoff aber nicht so.

Kritiker sagen, wir bräuchten noch 195 Jahre, bis wir eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft wirklich ins Laufen gebracht hätten.

Ich bin mir sehr sicher, dass wir allein mit Recycling den Ressourcenverbrauch nicht stoppen werden. Wir brauchen ein neues Bewusstsein, das auf die Vermeidung von Abfall zielt. All unsere Vorhaben sind ganz eng verknüpft mit sozialwissenschaftlichen Fragestellungen. Als meine Kinder in die Grundschule kamen, waren mehrfarbige Schulranzen in. Die Quietschefarben hatten schon in der zweiten Klasse ausgedient, meine beiden haben ihre einfarbigen Ranzen bis in die vierte Klasse getragen. Wenn wir bei Alltagsgegenständen, Textilien, Möbeln etc. mehr in Richtung Designklassiker denken, haben wir länger was davon. Langlebige Produkte zu generieren, um den Ressourcenverbrauch zu minimieren, das ist aus meiner Sicht eine riesige Säule. Aber man sieht, wie sehr das ins Persönliche hineingreift.

Was halten Sie von regulatorischen Eingriffen? Der Naturschutzbund Deutschland (NABU) schlägt eine Steuer auf primäre Kunststoffe vor, die viel billiger sind als sekundäre Rohstoffe.

Die Wegwerfmentalität ist da, weil vieles so billig ist. Regulatorien könnten den Menschen helfen, ein Bewusstsein für den Wert von Materialien zu entwickeln. Die Rohstoffsteuer propagieren wir seit Jahren – da müssen wir unbedingt ran. Auch vom System her liegt noch einiges im Argen: Es gibt kaum eine Ausschreibung der öffentlichen Hand, wo Recycling-Baustoffe in Erwägung gezogen, geschweige denn gefordert werden. Und die schönen neuen Produkte wie die leichten Fahrräder mit den Carbonfasern – die sind alle nicht reyclingfähig, weil das Verbundstoffe sind, die man nicht trennen kann.

Das Bedürfnis nach immer smarteren Technologien ist groß.

Das ist das Problem! Das Forschungsministerium hat für unseren Fachbereich ein Zukunfts-Cluster ausgeschrieben. Raten Sie mal, welche Projekte da gefördert werden! »Smart materials« ohne Ende, Kreislaufwirtschaftsprojekte hingegen gar keine, kein einziges. Es ist ganz offensichtlich, wohin die gesellschaftliche Tendenz geht. Ich will der Industrie keinen Vorwurf machen – wir wollen ja zusammenarbeiten! –, aber manches ist wenig zielführend: So hat die Industrie den Auftrag vom Gesetzgeber, weniger Ressourcen zu verbrauchen, zwar umgesetzt, doch hat sie dafür dünne Kunststoff-Layer übereinandergeschichtet, die sich nun überhaupt nicht mehr recyceln lassen.

Sie fordern eine stärkere Kooperation zwischen Wirtschaft und Forschung?

Unsere Forschungsprojekte beschäftigen sich damit, dass wir die neuesten TV-Modelle kaufen müssen, auseinanderbauen und schauen, wie das funktioniert. Der Produkthersteller, der es genau weiß, sagt es uns nicht. Wir fordern eine stärkere Beachtung des Cradle-to-Cradle-Prinzips von Michael Braungart, dass biologische Nährstoffe in biologische Kreisläufe zurückgeführt und technische Stoffe kontinuierlich in technischen Kreisläufen gehalten werden usw.

Woran scheitert es, zum Beispiel, beim Kunststoff?

Oft noch an der gesellschaftlichen Akzeptanz. Ein großes Dilemma ist, dass wir keine Abnehmer für das Rezyklat haben – keiner will es haben. Hier brauchen wir mehr als nur nette Einzelbeispiele wie eine recycelte Yoga-Matte. Es muss im Bewusstsein der Gesellschaft ankommen, und da ist noch viel zu tun.

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ZNadmin

Prof. Dr. Christina Dornack ist Professorin für Abfall- und Kreislaufwirtschaft an der TU Dresden.
Christina Dornack studierte an der TU Dresden Wasserwirtschaft und promovierte dort 2001 zum Dr. Ing. Wasserwirtschaft. Ihre Habilitation schloss sie 2013 mit der Schrift: »Biogasanlagen in der Abfallwirtschaft die Prozesskette von der Sammlung bis zur Produktnutzung« ab. Seit 2015 ist sie Professorin für Abfall- und Kreislaufwirtschaft an der TU Dresden. Außerdem ist Prof. Dr. Dornack Mitglied in zahlreichen Gremien und Vereinigungen – darunter auch das Forum für Abfallwirtschaft und Altlasten, wo sie seit 2015 die Position der Vorstandsvorsitzenden innehat.