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MIchael Setzpfandt

»Wir haben keine Zeit mehr für selektive Strategien!«

Via DIE ZEIT • Cornelia Heim • 11.11.2021

Alle reden über Klimaschutz – doch wie ist es um die Biodiversität bestellt? Der ZEIT WISSEN-Kongress rückt die Biotope Meer, Moor, Wälder und Ackerland in den Fokus, diskutiert Lösungsstrategien und die Aufgabe der Politik beim Schutz der Artenvielfalt.

 

Biodiversität – eine Frage des Überlebens

Klaus Wiegandt und Andreas Sentker gehören zu den Initiatoren des ZEIT Wissen-Kongress Mut zur Nachhaltigkeit, der nun bereits zum neunten Mal ausgerichtet wurde. Der ehemalige Vorstandssprecher der Metro AG und der Leiter des ZEIT-Wissenschaftsressorts, Sentker, besprachen im Initiatoren-Talk die Zuspitzung der Lage. Der Klimawandel sei durch Überschwemmungen und Waldbrände sehr real in den Köpfen angekommen, und auch die Wirtschaft verstehe, so Wiegandt, »dass nicht nur Menschenleben, sondern auch immense volkswirtschaftliche Schäden auf dem Spiel stehen«.

Täglich sterben 150 Arten für immer aus. 75 Prozent der Insekten sind bereits verschwunden. Die Zeit drängt. »Alles, was wir an Arten verlieren, ist unwiederbringlich«, zeichnet Wiegandt ein düsteres Bild und betont, Artenschutz sei als mindestens gleichwertig mit Klimaschutz zu betrachten: Ob wir als Menschheit überleben, hänge eng mit dem Artensterben zusammen. Wiegandt richtete den Fokus aufgrund der »hohen Biodiversität« in Richtung der Regenwälder.

Bernhard Kegel kommt das Thema Biodiversität viel zu kurz im öffentlichen Diskurs. Der Biologe und Autor zählt insbesondere Lebensraumverlust durch Besiedelung, Vergiftung durch Pestizide und Überfischung als Faktoren für das sechste und menschengemachte Massenaussterben auf. Fachleute sprechen von »biologischer Annihilation« – übersetzt etwa: Auslöschung –, eine »furchtbare Entwicklung«, so Kegel, die mit »Artensterben« nicht adäquat übersetzt werde: Der Genpool werde immer kleiner, und dieser Verfall der Populationen häufiger Arten sei de facto schlimmer als das Aussterben einiger seltener Arten.

 

»Wie geht es dir, alter Ozean?«

»Love and nature« gehören für Prof. Dr. Antje Boetius, Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung, untrennbar zusammen. »Die Schönheit feiern und dabei nicht verschweigen, wie desaströs der Zustand ist«, das ist das Ansinnen der einflussreichen Wissenschaftlerin.

Ihr gemeinsamer Vortrag mit ZEIT WISSEN-Redakteur Fritz Habekuß über den »riesigen, unbekannten Lebensraum Meer« glich einer Liebeserklärung, garniert mit erschreckenden Wahrheiten. »Die Meere sind jetzt schon zu warm, zu schmutzig und zu sauer.«

»Algen, Fische, Wasser, Mensch – es hängt alles mit allem zusammen.« Wie aber Artenschutz betreiben, wenn man nicht mal alle Arten kennt? Geschätzte zehn Millionen Arten seien in der im Schnitt 3,8 Kilometer tiefen See noch völlig unentdeckt. »Wir zerstören das alles, obwohl wir selbst dort gar nicht hinkommen«, beklagt die Meeresforscherin die menschliche Ignoranz. Um den Reichtum der Meere festzuhalten, dokumentiert ihr Projekt »Polare Soundscapes« faszinierende Geräusche der Unterwasserbewohner. 20 unterschiedliche Walarten konnten die Forschenden im Polarmeer heraushören, lediglich zwei habe man eindeutig identifizieren können.

Ozeanische Schutzgebiete gleichen, der Forscherin zufolge, »kleinen, zerrupften Quadraten ohne Meerespolizei«. »Wir brauchen eine ganz andere Governance«, so ihre Forderung zum Erhalt der Meeresarten: 30 Prozent der Ozeane gehörten unter Schutz gestellt – de facto seien es nicht mal 10 Prozent.

 

Wie sieht es aus in Wald & Regenwald?

Dr. Nicole Wellbrock ist Leiterin des Arbeitsbereichs Bodenschutz und Waldzustand am Johann Heinrich von Thünen-Institut. Ihre Diagnose für den deutschen Wald ist nach den drei trockenen und heißen Jahren 2018, 2019 und 2020 niederschmetternd – sie spricht von einem »kritischen Zustand«. Der Fichte gehe es schlecht, den Buchen und der Kiefer ebenso, und der Eiche, die mit vielen Schädlingen kämpfe, sei es ohnehin schon lange nicht mehr gut gegangen.

Teja Tscharntke, seit 1993 Professor für Agrarökologie an der Universität Göttingen, wiederum warf ein trauriges Licht auf die »Empty Forests«, die Regenwälder. 7 Prozent der tropischen Primarwälder seien gerodet, mit den Bäumen werde auch den eingemischten Arten, vorrangig Insekten, der Garaus gemacht – »der reinste Vandalismus«. Deutschland, so der Wissenschaftler in deutlichen Worten, mache sich zum Komplizen dieser Zerstörung, wenn für die eigene Futtermittel- und Agrarproduktion etwa Soja in großen Mengen importiert werde. Welche Lösungen schlagen die Forschenden vor? Ein Hebel könnten »adäquate Umwelt- und Sozialstandards « sein, so Tscharntke im Hinblick auf die Agrarökonomie. Allein auf Zertifizierung zu setzen, davon rät der Forscher ab. Eine Vervielfachung des Artenreichtums durch kleine Hölzer, Hecken, Blühstreifen und Brachland habe einen »viel größeren Effekt als jedes Ökosiegel«. Vorschlag seiner Kollegin Wellbrock: alte Wälder schützen und aus der Nutzung herausnehmen, neue Wälder für die Nutzung aufforsteen.

 

Landwirtschaft zwischen Ökonomie und Ökologie

Laufen da etwa zwei Bestrebungen diametral auseinander? Hier die Bauern, die die Bevölkerung satt bekommen und aber auch wirtschaftlich vernünftig planen müssen, dort die Umweltschützer, die Felder verkleinern wollen, Öko-Auf lagen implementieren und bürokratische Hürden auf Acker und Weiden hochziehen. Die (alte) Bundesregierung hatte eine »Zukunftskommission Landwirtschaft« beauftragt, dieses Dilemma anzugehen. Das hehre Ziel: Tierwohl, Biodiversität, Klima- und Umweltschutz mit den fundamentalen Aufgaben der Erntesicherung und der ökonomischen Tragfähigkeit der Agrarwirtschaft in Einklang zu bringen.

Das 190-seitige Strategiepapier, im Mai 2021 veröffentlicht, wurde von den beiden jüngsten Kommissionsmitgliedern – Myriam Rapior und Kathrin Muus – im Gespräch mit Gastgeber Andreas Sentker erläutert. Muus, Mitvorsitzende des Bundes der Deutschen Landjugend, fordert, man müsse dringend die Betriebe mitnehmen, um Klimaziele zu verändern. Landwirte benötigten die Aussicht auf ein verlässliches Einkommen, außerdem sollten bürokratische Hürden abgebaut werden. »Landwirte müssen für ihr Mehr an Leistung auch anständig bezahlt werden.«

Rapior repräsentiert den Bundesvorstand der BUND-Jugend und will auf dem 1,5-Grad-Pfad die landwirtschaftlichen Emissionen von Kohlendioxid, Lachgas und Methan bis zur Klimaneutralität reduzieren. Dafür müsse man die Fleischproduktion um mindestens die Hälfte reduzieren, die Moore vernässen und im Sinne der Biodiversität schädliche Pestizide verbieten sowie den Ökolandbau ausbauen. Europäische Steuergelder, da waren sich beide Frauen einig, dürften nicht »mit der Gießkanne « ausgeschüttet werden. Die Flächenprämie gehöre abgeschafft, und Zahlungen an die Landwirtschaft müssten immer an Nachhaltigkeitskriterien geknüpft werden. Der Klima- und Artenschutz müsse gemeinsam mit der Ernährungsindustrie neu gedacht werden. Trotz aller Anstrengungen fürs Klima sollten Lebensmittel dennoch für jeden Geldbeutel bezahlbar bleiben.

 

Vonnöten: ein Masterplan für die Moore

Wer hätte das gedacht? »Landwirtschaftlich genutzte Moore emittieren in Deutschland mehr Kohlendioxid als das dreckigste Braunkohlewerk.« Hans Joosten ist Professor an der Universität Greifswald und »der« Moorkundler schlechthin. Für seine weltweit anerkannten Studien hat er unlängst den Deutschen Umweltpreis verliehen bekommen. Moore, sagt der gebürtige Niederländer, nehmen lediglich 3 Prozent der Landfläche ein, speichern dennoch doppelt so viel Kohlenstoff wie alle Wälder des Planeten zusammen. Diese Rechnung mache die Moore so interessant für die Weltklimabilanz. Legt man sie allerdings trocken, wie es vielerorts in der Historie geschehen ist, um Acker- oder Weideflächen zu generieren, werden sie zu echten Kohlendioxidschleudern. Auf trockenen Mooren – für Joosten sind das »tote« Moore – weiden Kühe, es werde Mais angebaut oder es wachse Wald. Gemüse, das auf einem Torfboden gedeihe, könne so unterm Strich klimaschädlich sein, ebenso wie die auf diese Weise erzeugte Milch oder der Käse.

Deshalb fordert der engagierte Klimaschützer die Wiedervernässung der Moore. Von der Dimension her sei das »eine gesellschaftliche Aufgabe wie der Kohleausstieg«. Wie das in großem Ausmaß funktionieren kann, könne sich Deutschland beim Entwicklungsland Indonesien abschauen: Dort habe man, nachdem es zu verheerenden Bränden gekommen war, die Emissionen aus den Mooren innerhalb von nur vier Jahren um 30 Prozent reduziert. Von dieser Geschwindigkeit sei Deutschland weit entfernt. Dabei spielen Moore nicht nur für die Klimaneutralität, sondern auch für die Biodiversität eine Rolle, weil sie spezifizierte Arten beherbergen. Weitere Pluspunkte: Nasse Moore kühlen die Landschaft, binden Nitrat im Boden und vergrößern den Grundwasservorrat.

Deutschland müsse 50.000 Hektar – etwa die Fläche des Bodensees – jährlich wiedervernässen, um bis 2050 1,5 Millionen Hektar vernässte Fläche zu haben. Das lohne sich: Denn auch auf nassen Mooren lasse sich Agrar-und Forstwirtschaft betreiben – die Technologie dafür, so Joosten, existiere bereits: Sie heißt »Paludikultur«. Diese Nassbewirtschaftung biete große Potenziale, kämpfe jedoch mit bürokratischen Hürden um die Gleichstellung zur konventionellen Landwirtschaft.

 

Spannungsfeld »Politische Steuerung und Wirtschaftlichkeit«

Biodiversität, so das Resümee, werde oft assoziiert mit Symboltieren wie der Biene oder dem Eisbären. Doch die Bedeutung der Artenvielfalt könne man nicht erfassen, ohne die Menschen mitzunehmen. So ging es im finalen Panel darum, die Vielzahl an Ideen in konkrete politische Systeme zu übersetzen. Applaus erhielt Annika Rittmann, Pressesprecherin der Hamburger »Fridays for Future«, als sie ihre Forderungen an die sich neu findende Bundesregierung wiederholte: Nicht mehr mit Jahreszahlen jonglieren, sondern klare CO₂-Budgets benennen. Raus aus der Kohle verbindlich bis 2030, die erneuerbaren Energien versiebenfachen. Für eine gerechte Verkehrswende die ländlichen Regionen nahverkehrstechnisch einbeziehen und endlich die nötigen Milliarden in internationale Klimafonds einzahlen. Annika Rittmann: »Die Politik hat die Verantwortung auf uns abgewälzt – das finde ich gruselig.«

Professor Dr. Dirk Messner betonte: »Wir haben keine Zeit mehr für selektive Strategien.« Seit 2020 ist Messner Präsident des Umweltbundesamts. Die guten Nachrichten aus seiner Sicht: Die meisten Sektoren hätten viele der notwendigen Technologien bereits entwickelt. Optimistisch stimme ihn, dass auch die USA und China sich – zumindest teilweise – auf den Weg zur Klimaneutralität machten. »Wir sind nicht mehr allein auf dem Spielfeld. « Und anders als beim Klimaschutz könnten bereits kleinteilige Lösungen Arten am Leben halten. Messner, studierter Politologe und Volkswirtschaftler, befand aber: »Die Grundlage für transformatorische Prozesse dürfen wir nicht nur auf die Politik abschieben.« Der »Druck von der Straße« habe eine enorme Bedeutung – ebenso, dass sowohl Unternehmen als auch die Wissenschaft mitziehen.

Für den Finanzexperten Alexander Bassen, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Hamburg, steht fest: »Veränderungen geschehen nur durch Regulierung – und nicht allein durch die Selbstmotivation der Unternehmen.« In Bezug auf den Klimawandel sei das Thema bereits in den Vorstandsetagen angelangt, doch in puncto Biodiversität würden gerade erst europäische Standards erörtert – und die seien deutlich komplexer als beim Klimawandel. Der Experte für nachhaltige Finanzentwicklung setzt auf den Abbau klimaschädlicher Subventionen, an deren Stelle solle ein Anreizsystem für nachhaltige Investitionen treten.

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