Besuchen Sie ZEIT WISSEN auf Facebook
KLIMAWANDEL UND BIODIVERSITÄT

Werden hier Drachen leben?

Via ZEIT WISSEN • Bernhard Kegel • 07.12.2021

Durch die Erderwärmung wird es Regionen geben, in denen Tier- und Pflanzenarten zum ersten Mal aufeinandertreffen. Das wird spannend.

Zehn Jahre lang hatte sie niemand mehr gesehen, 2014 wurde mit mehr als hundert Lebend- und Kamerafallen nach ihr gesucht – vergeblich: Am 22. Februar 2019 erklärte das australische Umweltministerium die Bramble-Cay-Mosaikschwanzratte für ausgestorben. Fachleute hatten ihr Ende kommen sehen, ihre Art galt wie viele Tausend andere als stark gefährdet. Großes Interesse hatte man den kleinen Nagern allerdings nie entgegengebracht, von ein paar Experten abgesehen wusste ja kaum jemand, dass es diese Tiere überhaupt gab. Sie lebten nur auf Bramble-Cay, einer fünf Hektar großen unbewohnten Insel in der Torres-Straße zwischen Australien und Neuguinea, und nie hatte es mehr als ein paar Hundert Tiere gegeben.

Mit ihrem Aussterben erlangte die Mosaikschwanzratte plötzlich eine gewisse Berühmtheit: als das erste Artenopfer des Klimawandels. Vielleicht erhielt sie dieses Etikett aber auch nur, weil die Ursache ihrer Auslöschung so überaus eindeutig zu sein schien. Allein zwischen 1993 und 2010 war der Meerwasserspiegel in der Torres-Straße um mehr als zehn Zentimeter angestiegen. Die Insel wurde mehrfach überschwemmt, von der ohnehin schon kargen Vegetation war kaum etwas übrig geblieben. 2014 wuchsen dort nur noch zwei von ursprünglich elf Pflanzenarten. Die Lebensgrundlagen der Mosaikschwanzratten waren vernichtet worden.

War das der Auftakt des klimabedingten Artensterbens? Wie viele Spezies werden den Mosaikschwanzratten folgen? Nach den Projektionen der Forscher könnten in den kommenden Jahrzehnten durch Wetterextreme, Versauerung der Ozeane und steigende Temperaturen bis zu eine Million Tier- und Pflanzenarten ausgelöscht werden. Natürlich ist das nur eine grobe Schätzung – wir wissen nicht einmal genau, wie viele Arten überhaupt auf der Erde leben. Zudem ist der Klimawandel bei Weitem nicht der einzige Grund, warum Tier- und Pflanzenarten aussterben.

Computermodelle treffen Aussagen über die Zukunft und erscheinen vielen skeptischen Menschen deshalb als (noch) nicht real und unzuverlässig. Dabei wäre etwas mehr Vertrauen durchaus angebracht. Die meisten Prognosen der Klimaforscher haben sich bislang als zutreffend erwiesen. Sogar die, die schon vor 50 Jahren abgegeben wurden, haben die Temperaturentwicklung bis zum Jahr 2020 korrekt vorhergesagt, und da wir von Jahr zu Jahr mehr wissen und messen, werden die Modelle immer besser. Modellierungen sollen helfen, zukünftige Entwicklungen abzuschätzen, sie basieren aber auf bekannten physikalischen Gesetzmäßigkeiten und umfangreichen Messungen und Datenreihen aus Vergangenheit und Gegenwart, also auf realem Geschehen.

Auch die Vertreterinnen und Vertreter der noch jungen »Climate Change Biology« bedienen sich dieser Methode, wenn sie im Wissenschaftsjournal Science feststellen, der Klimawandel treibe »eine allgemeine Neuverteilung des Lebens auf der Erde an«. Natürlich verfügen sie nicht über das mathematische Instrumentarium ihrer Kollegen in Physik und Klimatologie, aber sie stützen sich auf zahlreiche Studien, die seit Jahren Verschiebungen der Verbreitungsgrenzen von Pflanzen- und Tierarten beobachten, zu Lande und zu Wasser, und sie extrapolieren diesen Trend in die Zukunft.

Sogar die Fachleute waren erstaunt, wie gleichförmig diese range shifts überall in der Welt in Richtung der Pole weisen, auf der Nordhalbkugel nach Norden und auf der Südhalbkugel nach Süden, im Gebirge bergauf, in den Ozeanen polwärts oder in die Tiefe. Natürlich sind das keine Wanderungsbewegungen im eigentlichen Sinne. Tiere und Pflanzen versuchen immer, die Limitierungen ihres Vorkommens zu überwinden, doch früher war es ihnen jenseits der den Polen zugewandten Verbreitungsgrenzen zu kalt: Ihre Eier erfroren, die Jungtiere verhungerten, sie scheiterten an besser angepassten Konkurrenten – der Versuch endete in einer Sackgasse. Heute ist er dank steigender Temperaturen immer öfter erfolgreich, und die Arten scheinen, im Bestreben, weiterhin in dem ihnen vertrauten Temperaturbereich zu leben, Richtung Pol oder bergauf zu wandern.

Die Distanzen, die dabei von den unterschiedlichsten Tierarten überbrückt wurden, sind beachtlich. In Großbritannien sind viele Arten heute bis zu 60 Kilometer weiter nördlich anzutreffen als noch vor wenigen Jahrzehnten. Ihre Ausbreitung erfolgte mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von maximal 25 Kilometern pro Dekade, im Gleichtakt mit den steigenden Temperaturen. In den Schweizer Bergen haben Forschende kürzlich bei Alpenkräutern eine Aufwärtsbewegung um mehr als 30 Höhenmeter pro Jahrzehnt ermittelt. Das Vorkommen etlicher Käfer, Schmetterlinge, Heuschrecken und Reptilien hat sich um viele Meter bergauf verschoben. Am südamerikanischen Antisana, einem mehr als 5000 Meter hohen Vulkan in den Kordilleren, haben Alexander von Humboldt und sein Begleiter Aimé Bonpland Pflanzen bestimmt, die heute, mehr als 200 Jahre später, bis zu 266 Höhenmeter bergauf zu finden sind. In den Ozeanen sind die beobachteten Verschiebungen mit über 70 Kilometer pro Dekade, sogar noch ausgeprägter. All das ist im Ergebnis vielleicht noch keine »allgemeine Neuverteilung des Lebens«, aber doch unübersehbar ein Schritt in diese Richtung. Da die Erwärmung der Erde noch lange weitergehen wird, selbst wenn die Menschheit den Ausstoß von Treibhausgasen sofort einstellen würde, werden diese Verschiebungsprozesse sich weiter verstärken und im Jahr 2100 mehrere Hundert Kilometer überbrückt haben. Der prognostizierten Neuverteilung des Lebens käme das dann schon ziemlich nahe.

Wer gewinnt, wer verliert?

Die Menschheit wird durch diese Dynamik vor gewaltige Herausforderungen gestellt, denn es »wandern« nicht nur Schmetterlinge und Blütenpflanzen, sondern auch Parasiten und Krankheitsüberträger wie der Asiatische Tigermoskito, ein Überträger etwa von Dengue- und West-Nil-Fieber, der in Südeuropa und Süddeutschland bereits Fuß gefasst hat. Millionen Menschen werden zusätzlich von der Malaria bedroht werden, denn die höheren Temperaturen ermöglichen es dem Überträger, der Anopheles-Mücke, in die bislang malariafreien Hochländer Afrikas und Südamerikas vorzudringen. Verschieben werden sich auch die Anbaugebiete verschiedener Nutzpflanzen wie etwa des Kaffees.

Die uns vertrauten Lebensgemeinschaften werden mit einer wachsenden Zahl von Neuankömmlingen konfrontiert werden. Schon jetzt dringen viele wärmeliebende Tier- und Pflanzenarten bis nach Mitteleuropa vor, breiten sich aus und werden zum Teil unserer Fauna und Flora, darunter spektakuläre Gestalten wie Gottesanbeterinnen oder die attraktiven Bienenfresser.

Zu diesen und den einheimischen Arten, die das veränderte Klima aushalten, wird sich aber noch eine dritte Gruppe sehr heterogener Herkunft gesellen, die sogenannten Neobiota, Lebewesen unterschiedlichster Art, die von Menschen absichtlich oder unabsichtlich eingeführt wurden und deren Vorkommen vielfach auf Wärmeinseln wie Großstädte oder Flusstäler beschränkt ist. Sie werden sich ausbreiten und mit Vertretern der anderen beiden Gruppen zu völlig neuartigen Tier- und Pflanzengemeinschaften zusammenfinden. Solche no-analog communities sind in der Erdgeschichte immer wieder aufgetreten, angetrieben von Klimaveränderungen und Bedingungen, die heute nirgends auf der Erde zu finden sind. Organismengemeinschaften bislang unbekannter Zusammensetzung werden wieder große Teile der Erde besiedeln, im Wettlauf mit einem Klima-wandel, der noch für Jahrhunderte andauern wird.

Das gilt vor allem für die Tropen und Subtropen. Das zukünftig dort herrschende Klima wird wärmer sein als alles, was die Spezies Homo sapiens jemals erlebt hat. Das erschwert die Voraussagen, wie die Gemeinschaften, die dort entstehen könnten, sich verhalten und entwickeln werden. Über ihre Eigenschaften, ihre Stabilität, Widerstandskraft und Leistungsfähigkeit können wir nur mutmaßen. Mit ökologischen Überraschungen ist also zu rechnen. Es gibt viele Beispiele, dass Tier- oder Pflanzenarten ganz neue Eigenschaften zeigen, wenn sie in eine andere Umgebung, in andere Klimata oder Kontinente versetzt werden. Was auf uns zukommt, so der amerikanische Paläobotaniker John W. Williams, sei das klimatische Äquivalent zu den unerforschten Erdregionen früherer Zeiten, über die europäische Kartografen schrieben: »Hier leben Drachen«.

Es ist klar, dass es in dieser ökologisch turbulenten Zukunft Gewinner und Verlierer geben wird. Für viele Tier- und Pflanzenarten werden schwere Zeiten anbrechen, und etliche werden nicht überleben. Schon jetzt ist zu beobachten, dass die Reaktionen individualistisch ausfallen. Im Falle der range shifts heißt das: Viele Arten verschieben ihre Verbreitungsgrenzen, etwa die Hälfte macht das nicht. Natürlich gibt es unter den Alteingesessenen auch Arten, die die veränderten Bedingungen (noch) tolerieren, sodass für sie keine Notwendigkeit besteht, den steigenden Temperaturen auszuweichen. In vielen Fällen bedeutet dieses Verharren aber, dass die Arten gar nicht ausweichen können. Im Gebirge ist irgendwann der Gipfel erreicht, in einem Schelfmeer wie der Nordsee sind größere Tiefen mit kühlerem Wasser gar nicht vorhanden. In früheren Epochen der Erdgeschichte wichen Tier- und Pflanzenarten in Refugien aus, wo sie ungünstige Klimaverhältnisse überdauern konnten, um nach deren Abklingen in ihr ursprüngliches Siedlungsgebiet zurückzukehren. In einer vom Menschen völlig umgestalteten Welt ist dies jedoch vielerorts unmöglich geworden. Wer sich weder anpassen noch ausweichen kann, ist unter diesen Umständen verloren.

Auch die in Intensität und Frequenz zunehmenden Extremereignisse wie Dürren, Brände oder Starkregen werden Pflanzen und Tieren zu schaffen machen. In Australien kommt es infolge massiver Hitzewellen immer häufiger zum Massensterben der heimischen Flughunde. Sie kollabieren, sterben den Hitzetod und fallen aus den Baumkronen. Im Jahr 2014 verendeten so an einem einzigen Tag über 40.000 Tiere. Der Klimawandel wirkt sich auf jedes einzelne Tier und jede einzelne Pflanze anders aus. Der Hitzetod der Flughunde liefert dafür ein drastisches Beispiel: Wie gut oder schlecht ein Individuum mit den sich verändernden Umweltbedingungen zurechtkommt, hängt vor allem von seiner genetischen Ausstattung ab. Die genetische Vielfalt einer Tier- oder Pflanzenpopulation hat daher entscheidenden Einfluss auf deren Anpassungsfähigkeit und Verhalten.

Entschlossen handeln

Leider trifft der Klimawandel auf eine Pflanzen- und Tierwelt, die bereits zu großen Teilen mit dem Rücken zur Wand steht. Die aktuelle Krise der biologischen Vielfalt, das sechste Massenaussterben der Erdgeschichte, gäbe es auch ohne ihn. Sie ist das Ergebnis unserer zerstörerischen Art der Landnutzung, der Verwendung von Bioziden, der Verschleppung fremder Pflanzen- und Tierarten und von Jagd, Wilderei und Fischfang.

Lange Zeit hat der Naturschutz vor allem seltene und akut bedrohte Arten im Blick gehabt und dabei das erschütternde ganze Ausmaß der Bedrohung übersehen. Neue Wortschöpfungen wie Defaunation oder Biologische Auslöschung versuchen zu beschreiben, dass uns nicht nur seltene Arten wie die Nördlichen Breitmaulnashörner oder die Pinta-Riesenschildkröten verloren gehen. Die Tierwelt stirbt in ihrer ganzen Breite.

In Europa leben heute 421 Millionen Vögel weniger als noch vor 30 Jahren, ein Rückgang, der vor allem häufige Arten wie Star, Sperling, Lerche und Rebhuhn getroffen hat. EU-weit ist die Zahl der Brutvögel im ländlichen Raum seit 1980 um 57 Prozent zurückgegangen. Es trifft auch die Seevögel, deren globale Population seit 1950 um fast 70 Prozent eingebrochen ist. Der letzte, im Jahr 2020 veröffentlichte Living Planet Report des WWF und der Zoologischen Gesellschaft von London, der sich auf die Überwachung von mehr als 20.000 Populationen unterschiedlicher Wirbeltierarten in der ganzen Welt stützt, stellte einen Rückgang um zwei Drittel seit 1970 fest. In Südamerika und der Karibik beträgt er unfassbare 94 Prozent – ein Rückgang an Individuen wohlgemerkt, nicht an Arten. Auch in oberflächlich intakt wirkenden Regenwäldern Asiens, Afrikas und Südamerikas leben kaum noch Großtiere: Es sind leere Wälder.

Diese für jeden Naturfreund sicherlich niederschmetternde Auflistung ließe sich noch lange fortsetzen. Vom Insektensterben, das die Menschen hierzulande aufschreckte, war zum Beispiel noch gar nicht die Rede. Der Klimawandel spielte und spielt bei alldem nur eine untergeordnete Rolle, das wird sich in Zukunft ändern. Glaubt jemand im Ernst, dass ein derartiger Aderlass ohne Folgen für uns Menschen bleiben wird?

Bislang ist die globale Krise der biologischen Vielfalt weniger ein Artensterben als vielmehr ein Verlust unzähliger Individuen und kleiner Populationen. Dies geht einem Aussterben der Arten voraus. Denn wenn Individuen in so großer Zahl verloren gehen, verschwindet ein großer Teil der vorhandenen genetischen Varianten mit ihnen, der Genpool der Arten wird kleiner. Wir erleben eine dramatische Erosion genetischer Vielfalt. Damit verlieren Tier- und Pflanzenarten, was ihnen in einer klimabedingt sich verändernden Umwelt das Überleben sichern könnte. Klimawandel und Biodiversitätskrise bewegen sich auf verhängnisvolle Weise auf ein an der zu und drohen sich gegenseitig zu verstärken. Klima- und Naturschutz müssen deshalb Hand in Hand gehen. Wir müssen klimaneutral leben und gleichzeitig alles daransetzen, die existierende organismische und genetische Vielfalt zu erhalten, denn sie verleiht den Lebensgemeinschaften Widerstandskraft und Resilienz. Dass wir überhaupt etwas tun können, ist die gute Nachricht. Wäre die Klimakrise die Folge von Vulkanausbrüchen oder dem Einschlag eines Asteroiden, hätten wir wohl keine Chance. Doch da die Probleme von uns selbst verursacht wurden, können wir die Entwicklung beeinflussen. Das Horrorszenario einer biologisch drastisch verarmten Erde ist real, aber es ist kein unausweichliches Schicksal. Die Konzepte, das abzuwenden, liegen auf dem Tisch oder werden diskutiert. Wir müssen nur handeln – entschlossen und rechtzeitig.

Von Ausnahmen wie den Krankheitsüberträgern abgesehen dürfen die range shifts nicht behindert oder gar bekämpft werden, denn sie sind der Versuch von Tier- und Pflanzenarten, in Zeiten eines Klimawandels zu überleben. Deswegen muss vor allem die weitere Zerstückelung der Lebensräume beendet werden. Gerade haben mehr als 100 Länder, darunter auch Brasilien und Russland, in Glasgow beschlossen, die globale Waldvernichtung bis 2030 zu stoppen. Kolumbien, Ecuador, Costa Rica und Panama schaffen vor ihren Küsten ein riesiges Schutzgebiet, das auch den Galapagos-Archipel miteinbezieht, einen »Meereskorridor im östlichen tropischen Pazifik«. Das sind wichtige Signale, denen weitere Schritte folgen müssen.

Rechtzeitiges Handeln hätte übrigens auch die Bramble-Cay-Mosaikschwanzratte retten können. John Woinarski von der australischen Charles Darwin University sieht den Grund für ihr »vorhersehbares und vermeidbares« Aussterben eher in einer chronischen Unterfinanzierung von Naturschutzprogrammen. Man hätte die Tiere einfangen, vermehren und auf einer anderen unbewohnten und weniger gefährdeten Insel wieder aussetzen können. Es habe schlicht der politische Wille gefehlt, sie zu retten. Was hier im Kleinen schiefging, können wir uns im Großen nicht mehr leisten.

Zehn Jahre lang hatte sie niemand mehr gesehen, 2014 wurde mit mehr als hundert Lebend- und Kamerafallen nach ihr gesucht – vergeblich: Am 22. Februar 2019 erklärte das australische Umweltministerium die Bramble-Cay-Mosaikschwanzratte für ausgestorben. Fachleute hatten ihr Ende kommen sehen, ihre Art galt wie viele Tausend andere als stark gefährdet. Großes Interesse hatte man den kleinen Nagern allerdings nie entgegengebracht, von ein paar Experten abgesehen wusste ja kaum jemand, dass es diese Tiere überhaupt gab. Sie lebten nur auf Bramble-Cay, einer fünf Hektar großen unbewohnten Insel in der Torres-Straße zwischen Australien und Neuguinea, und nie hatte es mehr als ein paar Hundert Tiere gegeben.

Mit ihrem Aussterben erlangte die Mosaikschwanzratte plötzlich eine gewisse Berühmtheit: als das erste Artenopfer des Klimawandels. Vielleicht erhielt sie dieses Etikett aber auch nur, weil die Ursache ihrer Auslöschung so überaus eindeutig zu sein schien. Allein zwischen 1993 und 2010 war der Meerwasserspiegel in der Torres-Straße um mehr als zehn Zentimeter angestiegen. Die Insel wurde mehrfach überschwemmt, von der ohnehin schon kargen Vegetation war kaum etwas übrig geblieben. 2014 wuchsen dort nur noch zwei von ursprünglich elf Pflanzenarten. Die Lebensgrundlagen der Mosaikschwanzratten waren vernichtet worden.

War das der Auftakt des klimabedingten Artensterbens? Wie viele Spezies werden den Mosaikschwanzratten folgen? Nach den Projektionen der Forscher könnten in den kommenden Jahrzehnten durch Wetterextreme, Versauerung der Ozeane und steigende Temperaturen bis zu eine Million Tier- und Pflanzenarten ausgelöscht werden. Natürlich ist das nur eine grobe Schätzung – wir wissen nicht einmal genau, wie viele Arten überhaupt auf der Erde leben. Zudem ist der Klimawandel bei Weitem nicht der einzige Grund, warum Tier- und Pflanzenarten aussterben.

Computermodelle treffen Aussagen über die Zukunft und erscheinen vielen skeptischen Menschen deshalb als (noch) nicht real und unzuverlässig. Dabei wäre etwas mehr Vertrauen durchaus angebracht. Die meisten Prognosen der Klimaforscher haben sich bislang als zutreffend erwiesen. Sogar die, die schon vor 50 Jahren abgegeben wurden, haben die Temperaturentwicklung bis zum Jahr 2020 korrekt vorhergesagt, und da wir von Jahr zu Jahr mehr wissen und messen, werden die Modelle immer besser. Modellierungen sollen helfen, zukünftige Entwicklungen abzuschätzen, sie basieren aber auf bekannten physikalischen Gesetzmäßigkeiten und umfangreichen Messungen und Datenreihen aus Vergangenheit und Gegenwart, also auf realem Geschehen.

Auch die Vertreterinnen und Vertreter der noch jungen »Climate Change Biology« bedienen sich dieser Methode, wenn sie im Wissenschaftsjournal Science feststellen, der Klimawandel treibe »eine allgemeine Neuverteilung des Lebens auf der Erde an«. Natürlich verfügen sie nicht über das mathematische Instrumentarium ihrer Kollegen in Physik und Klimatologie, aber sie stützen sich auf zahlreiche Studien, die seit Jahren Verschiebungen der Verbreitungsgrenzen von Pflanzen- und Tierarten beobachten, zu Lande und zu Wasser, und sie extrapolieren diesen Trend in die Zukunft.

Sogar die Fachleute waren erstaunt, wie gleichförmig diese range shifts überall in der Welt in Richtung der Pole weisen, auf der Nordhalbkugel nach Norden und auf der Südhalbkugel nach Süden, im Gebirge bergauf, in den Ozeanen polwärts oder in die Tiefe. Natürlich sind das keine Wanderungsbewegungen im eigentlichen Sinne. Tiere und Pflanzen versuchen immer, die Limitierungen ihres Vorkommens zu überwinden, doch früher war es ihnen jenseits der den Polen zugewandten Verbreitungsgrenzen zu kalt: Ihre Eier erfroren, die Jungtiere verhungerten, sie scheiterten an besser angepassten Konkurrenten – der Versuch endete in einer Sackgasse. Heute ist er dank steigender Temperaturen immer öfter erfolgreich, und die Arten scheinen, im Bestreben, weiterhin in dem ihnen vertrauten Temperaturbereich zu leben, Richtung Pol oder bergauf zu wandern.

Die Distanzen, die dabei von den unterschiedlichsten Tierarten überbrückt wurden, sind beachtlich. In Großbritannien sind viele Arten heute bis zu 60 Kilometer weiter nördlich anzutreffen als noch vor wenigen Jahrzehnten. Ihre Ausbreitung erfolgte mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von maximal 25 Kilometern pro Dekade, im Gleichtakt mit den steigenden Temperaturen. In den Schweizer Bergen haben Forschende kürzlich bei Alpenkräutern eine Aufwärtsbewegung um mehr als 30 Höhenmeter pro Jahrzehnt ermittelt. Das Vorkommen etlicher Käfer, Schmetterlinge, Heuschrecken und Reptilien hat sich um viele Meter bergauf verschoben. Am südamerikanischen Antisana, einem mehr als 5000 Meter hohen Vulkan in den Kordilleren, haben Alexander von Humboldt und sein Begleiter Aimé Bonpland Pflanzen bestimmt, die heute, mehr als 200 Jahre später, bis zu 266 Höhenmeter bergauf zu finden sind. In den Ozeanen sind die beobachteten Verschiebungen mit über 70 Kilometer pro Dekade, sogar noch ausgeprägter. All das ist im Ergebnis vielleicht noch keine »allgemeine Neuverteilung des Lebens«, aber doch unübersehbar ein Schritt in diese Richtung. Da die Erwärmung der Erde noch lange weitergehen wird, selbst wenn die Menschheit den Ausstoß von Treibhausgasen sofort einstellen würde, werden diese Verschiebungsprozesse sich weiter verstärken und im Jahr 2100 mehrere Hundert Kilometer überbrückt haben. Der prognostizierten Neuverteilung des Lebens käme das dann schon ziemlich nahe.

Wer gewinnt, wer verliert?

Die Menschheit wird durch diese Dynamik vor gewaltige Herausforderungen gestellt, denn es »wandern« nicht nur Schmetterlinge und Blütenpflanzen, sondern auch Parasiten und Krankheitsüberträger wie der Asiatische Tigermoskito, ein Überträger etwa von Dengue- und West-Nil-Fieber, der in Südeuropa und Süddeutschland bereits Fuß gefasst hat. Millionen Menschen werden zusätzlich von der Malaria bedroht werden, denn die höheren Temperaturen ermöglichen es dem Überträger, der Anopheles-Mücke, in die bislang malariafreien Hochländer Afrikas und Südamerikas vorzudringen. Verschieben werden sich auch die Anbaugebiete verschiedener Nutzpflanzen wie etwa des Kaffees.

Die uns vertrauten Lebensgemeinschaften werden mit einer wachsenden Zahl von Neuankömmlingen konfrontiert werden. Schon jetzt dringen viele wärmeliebende Tier- und Pflanzenarten bis nach Mitteleuropa vor, breiten sich aus und werden zum Teil unserer Fauna und Flora, darunter spektakuläre Gestalten wie Gottesanbeterinnen oder die attraktiven Bienenfresser.

Zu diesen und den einheimischen Arten, die das veränderte Klima aushalten, wird sich aber noch eine dritte Gruppe sehr heterogener Herkunft gesellen, die sogenannten Neobiota, Lebewesen unterschiedlichster Art, die von Menschen absichtlich oder unabsichtlich eingeführt wurden und deren Vorkommen vielfach auf Wärmeinseln wie Großstädte oder Flusstäler beschränkt ist. Sie werden sich ausbreiten und mit Vertretern der anderen beiden Gruppen zu völlig neuartigen Tier- und Pflanzengemeinschaften zusammenfinden. Solche no-analog communities sind in der Erdgeschichte immer wieder aufgetreten, angetrieben von Klimaveränderungen und Bedingungen, die heute nirgends auf der Erde zu finden sind. Organismengemeinschaften bislang unbekannter Zusammensetzung werden wieder große Teile der Erde besiedeln, im Wettlauf mit einem Klima-wandel, der noch für Jahrhunderte andauern wird.

Das gilt vor allem für die Tropen und Subtropen. Das zukünftig dort herrschende Klima wird wärmer sein als alles, was die Spezies Homo sapiens jemals erlebt hat. Das erschwert die Voraussagen, wie die Gemeinschaften, die dort entstehen könnten, sich verhalten und entwickeln werden. Über ihre Eigenschaften, ihre Stabilität, Widerstandskraft und Leistungsfähigkeit können wir nur mutmaßen. Mit ökologischen Überraschungen ist also zu rechnen. Es gibt viele Beispiele, dass Tier- oder Pflanzenarten ganz neue Eigenschaften zeigen, wenn sie in eine andere Umgebung, in andere Klimata oder Kontinente versetzt werden. Was auf uns zukommt, so der amerikanische Paläobotaniker John W. Williams, sei das klimatische Äquivalent zu den unerforschten Erdregionen früherer Zeiten, über die europäische Kartografen schrieben: »Hier leben Drachen«.

Es ist klar, dass es in dieser ökologisch turbulenten Zukunft Gewinner und Verlierer geben wird. Für viele Tier- und Pflanzenarten werden schwere Zeiten anbrechen, und etliche werden nicht überleben. Schon jetzt ist zu beobachten, dass die Reaktionen individualistisch ausfallen. Im Falle der range shifts heißt das: Viele Arten verschieben ihre Verbreitungsgrenzen, etwa die Hälfte macht das nicht. Natürlich gibt es unter den Alteingesessenen auch Arten, die die veränderten Bedingungen (noch) tolerieren, sodass für sie keine Notwendigkeit besteht, den steigenden Temperaturen auszuweichen. In vielen Fällen bedeutet dieses Verharren aber, dass die Arten gar nicht ausweichen können. Im Gebirge ist irgendwann der Gipfel erreicht, in einem Schelfmeer wie der Nordsee sind größere Tiefen mit kühlerem Wasser gar nicht vorhanden. In früheren Epochen der Erdgeschichte wichen Tier- und Pflanzenarten in Refugien aus, wo sie ungünstige Klimaverhältnisse überdauern konnten, um nach deren Abklingen in ihr ursprüngliches Siedlungsgebiet zurückzukehren. In einer vom Menschen völlig umgestalteten Welt ist dies jedoch vielerorts unmöglich geworden. Wer sich weder anpassen noch ausweichen kann, ist unter diesen Umständen verloren.

Auch die in Intensität und Frequenz zunehmenden Extremereignisse wie Dürren, Brände oder Starkregen werden Pflanzen und Tieren zu schaffen machen. In Australien kommt es infolge massiver Hitzewellen immer häufiger zum Massensterben der heimischen Flughunde. Sie kollabieren, sterben den Hitzetod und fallen aus den Baumkronen. Im Jahr 2014 verendeten so an einem einzigen Tag über 40.000 Tiere. Der Klimawandel wirkt sich auf jedes einzelne Tier und jede einzelne Pflanze anders aus. Der Hitzetod der Flughunde liefert dafür ein drastisches Beispiel: Wie gut oder schlecht ein Individuum mit den sich verändernden Umweltbedingungen zurechtkommt, hängt vor allem von seiner genetischen Ausstattung ab. Die genetische Vielfalt einer Tier- oder Pflanzenpopulation hat daher entscheidenden Einfluss auf deren Anpassungsfähigkeit und Verhalten.

Entschlossen handeln

Leider trifft der Klimawandel auf eine Pflanzen- und Tierwelt, die bereits zu großen Teilen mit dem Rücken zur Wand steht. Die aktuelle Krise der biologischen Vielfalt, das sechste Massenaussterben der Erdgeschichte, gäbe es auch ohne ihn. Sie ist das Ergebnis unserer zerstörerischen Art der Landnutzung, der Verwendung von Bioziden, der Verschleppung fremder Pflanzen- und Tierarten und von Jagd, Wilderei und Fischfang.

Lange Zeit hat der Naturschutz vor allem seltene und akut bedrohte Arten im Blick gehabt und dabei das erschütternde ganze Ausmaß der Bedrohung übersehen. Neue Wortschöpfungen wie Defaunation oder Biologische Auslöschung versuchen zu beschreiben, dass uns nicht nur seltene Arten wie die Nördlichen Breitmaulnashörner oder die Pinta-Riesenschildkröten verloren gehen. Die Tierwelt stirbt in ihrer ganzen Breite.

In Europa leben heute 421 Millionen Vögel weniger als noch vor 30 Jahren, ein Rückgang, der vor allem häufige Arten wie Star, Sperling, Lerche und Rebhuhn getroffen hat. EU-weit ist die Zahl der Brutvögel im ländlichen Raum seit 1980 um 57 Prozent zurückgegangen. Es trifft auch die Seevögel, deren globale Population seit 1950 um fast 70 Prozent eingebrochen ist. Der letzte, im Jahr 2020 veröffentlichte Living Planet Report des WWF und der Zoologischen Gesellschaft von London, der sich auf die Überwachung von mehr als 20.000 Populationen unterschiedlicher Wirbeltierarten in der ganzen Welt stützt, stellte einen Rückgang um zwei Drittel seit 1970 fest. In Südamerika und der Karibik beträgt er unfassbare 94 Prozent – ein Rückgang an Individuen wohlgemerkt, nicht an Arten. Auch in oberflächlich intakt wirkenden Regenwäldern Asiens, Afrikas und Südamerikas leben kaum noch Großtiere: Es sind leere Wälder.

Diese für jeden Naturfreund sicherlich niederschmetternde Auflistung ließe sich noch lange fortsetzen. Vom Insektensterben, das die Menschen hierzulande aufschreckte, war zum Beispiel noch gar nicht die Rede. Der Klimawandel spielte und spielt bei alldem nur eine untergeordnete Rolle, das wird sich in Zukunft ändern. Glaubt jemand im Ernst, dass ein derartiger Aderlass ohne Folgen für uns Menschen bleiben wird?

Bislang ist die globale Krise der biologischen Vielfalt weniger ein Artensterben als vielmehr ein Verlust unzähliger Individuen und kleiner Populationen. Dies geht einem Aussterben der Arten voraus. Denn wenn Individuen in so großer Zahl verloren gehen, verschwindet ein großer Teil der vorhandenen genetischen Varianten mit ihnen, der Genpool der Arten wird kleiner. Wir erleben eine dramatische Erosion genetischer Vielfalt. Damit verlieren Tier- und Pflanzenarten, was ihnen in einer klimabedingt sich verändernden Umwelt das Überleben sichern könnte. Klimawandel und Biodiversitätskrise bewegen sich auf verhängnisvolle Weise auf ein an der zu und drohen sich gegenseitig zu verstärken. Klima- und Naturschutz müssen deshalb Hand in Hand gehen. Wir müssen klimaneutral leben und gleichzeitig alles daransetzen, die existierende organismische und genetische Vielfalt zu erhalten, denn sie verleiht den Lebensgemeinschaften Widerstandskraft und Resilienz. Dass wir überhaupt etwas tun können, ist die gute Nachricht. Wäre die Klimakrise die Folge von Vulkanausbrüchen oder dem Einschlag eines Asteroiden, hätten wir wohl keine Chance. Doch da die Probleme von uns selbst verursacht wurden, können wir die Entwicklung beeinflussen. Das Horrorszenario einer biologisch drastisch verarmten Erde ist real, aber es ist kein unausweichliches Schicksal. Die Konzepte, das abzuwenden, liegen auf dem Tisch oder werden diskutiert. Wir müssen nur handeln – entschlossen und rechtzeitig.

Von Ausnahmen wie den Krankheitsüberträgern abgesehen dürfen die range shifts nicht behindert oder gar bekämpft werden, denn sie sind der Versuch von Tier- und Pflanzenarten, in Zeiten eines Klimawandels zu überleben. Deswegen muss vor allem die weitere Zerstückelung der Lebensräume beendet werden. Gerade haben mehr als 100 Länder, darunter auch Brasilien und Russland, in Glasgow beschlossen, die globale Waldvernichtung bis 2030 zu stoppen. Kolumbien, Ecuador, Costa Rica und Panama schaffen vor ihren Küsten ein riesiges Schutzgebiet, das auch den Galapagos-Archipel miteinbezieht, einen »Meereskorridor im östlichen tropischen Pazifik«. Das sind wichtige Signale, denen weitere Schritte folgen müssen.

Rechtzeitiges Handeln hätte übrigens auch die Bramble-Cay-Mosaikschwanzratte retten können. John Woinarski von der australischen Charles Darwin University sieht den Grund für ihr »vorhersehbares und vermeidbares« Aussterben eher in einer chronischen Unterfinanzierung von Naturschutzprogrammen. Man hätte die Tiere einfangen, vermehren und auf einer anderen unbewohnten und weniger gefährdeten Insel wieder aussetzen können. Es habe schlicht der politische Wille gefehlt, sie zu retten. Was hier im Kleinen schiefging, können wir uns im Großen nicht mehr leisten.

Zehn Jahre lang hatte sie niemand mehr gesehen, 2014 wurde mit mehr als hundert Lebend- und Kamerafallen nach ihr gesucht – vergeblich: Am 22. Februar 2019 erklärte das australische Umweltministerium die Bramble-Cay-Mosaikschwanzratte für ausgestorben. Fachleute hatten ihr Ende kommen sehen, ihre Art galt wie viele Tausend andere als stark gefährdet. Großes Interesse hatte man den kleinen Nagern allerdings nie entgegengebracht, von ein paar Experten abgesehen wusste ja kaum jemand, dass es diese Tiere überhaupt gab. Sie lebten nur auf Bramble-Cay, einer fünf Hektar großen unbewohnten Insel in der Torres-Straße zwischen Australien und Neuguinea, und nie hatte es mehr als ein paar Hundert Tiere gegeben.

Mit ihrem Aussterben erlangte die Mosaikschwanzratte plötzlich eine gewisse Berühmtheit: als das erste Artenopfer des Klimawandels. Vielleicht erhielt sie dieses Etikett aber auch nur, weil die Ursache ihrer Auslöschung so überaus eindeutig zu sein schien. Allein zwischen 1993 und 2010 war der Meerwasserspiegel in der Torres-Straße um mehr als zehn Zentimeter angestiegen. Die Insel wurde mehrfach überschwemmt, von der ohnehin schon kargen Vegetation war kaum etwas übrig geblieben. 2014 wuchsen dort nur noch zwei von ursprünglich elf Pflanzenarten. Die Lebensgrundlagen der Mosaikschwanzratten waren vernichtet worden.

War das der Auftakt des klimabedingten Artensterbens? Wie viele Spezies werden den Mosaikschwanzratten folgen? Nach den Projektionen der Forscher könnten in den kommenden Jahrzehnten durch Wetterextreme, Versauerung der Ozeane und steigende Temperaturen bis zu eine Million Tier- und Pflanzenarten ausgelöscht werden. Natürlich ist das nur eine grobe Schätzung – wir wissen nicht einmal genau, wie viele Arten überhaupt auf der Erde leben. Zudem ist der Klimawandel bei Weitem nicht der einzige Grund, warum Tier- und Pflanzenarten aussterben.

Computermodelle treffen Aussagen über die Zukunft und erscheinen vielen skeptischen Menschen deshalb als (noch) nicht real und unzuverlässig. Dabei wäre etwas mehr Vertrauen durchaus angebracht. Die meisten Prognosen der Klimaforscher haben sich bislang als zutreffend erwiesen. Sogar die, die schon vor 50 Jahren abgegeben wurden, haben die Temperaturentwicklung bis zum Jahr 2020 korrekt vorhergesagt, und da wir von Jahr zu Jahr mehr wissen und messen, werden die Modelle immer besser. Modellierungen sollen helfen, zukünftige Entwicklungen abzuschätzen, sie basieren aber auf bekannten physikalischen Gesetzmäßigkeiten und umfangreichen Messungen und Datenreihen aus Vergangenheit und Gegenwart, also auf realem Geschehen.

Auch die Vertreterinnen und Vertreter der noch jungen »Climate Change Biology« bedienen sich dieser Methode, wenn sie im Wissenschaftsjournal Science feststellen, der Klimawandel treibe »eine allgemeine Neuverteilung des Lebens auf der Erde an«. Natürlich verfügen sie nicht über das mathematische Instrumentarium ihrer Kollegen in Physik und Klimatologie, aber sie stützen sich auf zahlreiche Studien, die seit Jahren Verschiebungen der Verbreitungsgrenzen von Pflanzen- und Tierarten beobachten, zu Lande und zu Wasser, und sie extrapolieren diesen Trend in die Zukunft.

Sogar die Fachleute waren erstaunt, wie gleichförmig diese range shifts überall in der Welt in Richtung der Pole weisen, auf der Nordhalbkugel nach Norden und auf der Südhalbkugel nach Süden, im Gebirge bergauf, in den Ozeanen polwärts oder in die Tiefe. Natürlich sind das keine Wanderungsbewegungen im eigentlichen Sinne. Tiere und Pflanzen versuchen immer, die Limitierungen ihres Vorkommens zu überwinden, doch früher war es ihnen jenseits der den Polen zugewandten Verbreitungsgrenzen zu kalt: Ihre Eier erfroren, die Jungtiere verhungerten, sie scheiterten an besser angepassten Konkurrenten – der Versuch endete in einer Sackgasse. Heute ist er dank steigender Temperaturen immer öfter erfolgreich, und die Arten scheinen, im Bestreben, weiterhin in dem ihnen vertrauten Temperaturbereich zu leben, Richtung Pol oder bergauf zu wandern.

Die Distanzen, die dabei von den unterschiedlichsten Tierarten überbrückt wurden, sind beachtlich. In Großbritannien sind viele Arten heute bis zu 60 Kilometer weiter nördlich anzutreffen als noch vor wenigen Jahrzehnten. Ihre Ausbreitung erfolgte mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von maximal 25 Kilometern pro Dekade, im Gleichtakt mit den steigenden Temperaturen. In den Schweizer Bergen haben Forschende kürzlich bei Alpenkräutern eine Aufwärtsbewegung um mehr als 30 Höhenmeter pro Jahrzehnt ermittelt. Das Vorkommen etlicher Käfer, Schmetterlinge, Heuschrecken und Reptilien hat sich um viele Meter bergauf verschoben. Am südamerikanischen Antisana, einem mehr als 5000 Meter hohen Vulkan in den Kordilleren, haben Alexander von Humboldt und sein Begleiter Aimé Bonpland Pflanzen bestimmt, die heute, mehr als 200 Jahre später, bis zu 266 Höhenmeter bergauf zu finden sind. In den Ozeanen sind die beobachteten Verschiebungen mit über 70 Kilometer pro Dekade, sogar noch ausgeprägter. All das ist im Ergebnis vielleicht noch keine »allgemeine Neuverteilung des Lebens«, aber doch unübersehbar ein Schritt in diese Richtung. Da die Erwärmung der Erde noch lange weitergehen wird, selbst wenn die Menschheit den Ausstoß von Treibhausgasen sofort einstellen würde, werden diese Verschiebungsprozesse sich weiter verstärken und im Jahr 2100 mehrere Hundert Kilometer überbrückt haben. Der prognostizierten Neuverteilung des Lebens käme das dann schon ziemlich nahe.

Wer gewinnt, wer verliert?

Die Menschheit wird durch diese Dynamik vor gewaltige Herausforderungen gestellt, denn es »wandern« nicht nur Schmetterlinge und Blütenpflanzen, sondern auch Parasiten und Krankheitsüberträger wie der Asiatische Tigermoskito, ein Überträger etwa von Dengue- und West-Nil-Fieber, der in Südeuropa und Süddeutschland bereits Fuß gefasst hat. Millionen Menschen werden zusätzlich von der Malaria bedroht werden, denn die höheren Temperaturen ermöglichen es dem Überträger, der Anopheles-Mücke, in die bislang malariafreien Hochländer Afrikas und Südamerikas vorzudringen. Verschieben werden sich auch die Anbaugebiete verschiedener Nutzpflanzen wie etwa des Kaffees.

Die uns vertrauten Lebensgemeinschaften werden mit einer wachsenden Zahl von Neuankömmlingen konfrontiert werden. Schon jetzt dringen viele wärmeliebende Tier- und Pflanzenarten bis nach Mitteleuropa vor, breiten sich aus und werden zum Teil unserer Fauna und Flora, darunter spektakuläre Gestalten wie Gottesanbeterinnen oder die attraktiven Bienenfresser.

Zu diesen und den einheimischen Arten, die das veränderte Klima aushalten, wird sich aber noch eine dritte Gruppe sehr heterogener Herkunft gesellen, die sogenannten Neobiota, Lebewesen unterschiedlichster Art, die von Menschen absichtlich oder unabsichtlich eingeführt wurden und deren Vorkommen vielfach auf Wärmeinseln wie Großstädte oder Flusstäler beschränkt ist. Sie werden sich ausbreiten und mit Vertretern der anderen beiden Gruppen zu völlig neuartigen Tier- und Pflanzengemeinschaften zusammenfinden. Solche no-analog communities sind in der Erdgeschichte immer wieder aufgetreten, angetrieben von Klimaveränderungen und Bedingungen, die heute nirgends auf der Erde zu finden sind. Organismengemeinschaften bislang unbekannter Zusammensetzung werden wieder große Teile der Erde besiedeln, im Wettlauf mit einem Klima-wandel, der noch für Jahrhunderte andauern wird.

Das gilt vor allem für die Tropen und Subtropen. Das zukünftig dort herrschende Klima wird wärmer sein als alles, was die Spezies Homo sapiens jemals erlebt hat. Das erschwert die Voraussagen, wie die Gemeinschaften, die dort entstehen könnten, sich verhalten und entwickeln werden. Über ihre Eigenschaften, ihre Stabilität, Widerstandskraft und Leistungsfähigkeit können wir nur mutmaßen. Mit ökologischen Überraschungen ist also zu rechnen. Es gibt viele Beispiele, dass Tier- oder Pflanzenarten ganz neue Eigenschaften zeigen, wenn sie in eine andere Umgebung, in andere Klimata oder Kontinente versetzt werden. Was auf uns zukommt, so der amerikanische Paläobotaniker John W. Williams, sei das klimatische Äquivalent zu den unerforschten Erdregionen früherer Zeiten, über die europäische Kartografen schrieben: »Hier leben Drachen«.

Es ist klar, dass es in dieser ökologisch turbulenten Zukunft Gewinner und Verlierer geben wird. Für viele Tier- und Pflanzenarten werden schwere Zeiten anbrechen, und etliche werden nicht überleben. Schon jetzt ist zu beobachten, dass die Reaktionen individualistisch ausfallen. Im Falle der range shifts heißt das: Viele Arten verschieben ihre Verbreitungsgrenzen, etwa die Hälfte macht das nicht. Natürlich gibt es unter den Alteingesessenen auch Arten, die die veränderten Bedingungen (noch) tolerieren, sodass für sie keine Notwendigkeit besteht, den steigenden Temperaturen auszuweichen. In vielen Fällen bedeutet dieses Verharren aber, dass die Arten gar nicht ausweichen können. Im Gebirge ist irgendwann der Gipfel erreicht, in einem Schelfmeer wie der Nordsee sind größere Tiefen mit kühlerem Wasser gar nicht vorhanden. In früheren Epochen der Erdgeschichte wichen Tier- und Pflanzenarten in Refugien aus, wo sie ungünstige Klimaverhältnisse überdauern konnten, um nach deren Abklingen in ihr ursprüngliches Siedlungsgebiet zurückzukehren. In einer vom Menschen völlig umgestalteten Welt ist dies jedoch vielerorts unmöglich geworden. Wer sich weder anpassen noch ausweichen kann, ist unter diesen Umständen verloren.

Auch die in Intensität und Frequenz zunehmenden Extremereignisse wie Dürren, Brände oder Starkregen werden Pflanzen und Tieren zu schaffen machen. In Australien kommt es infolge massiver Hitzewellen immer häufiger zum Massensterben der heimischen Flughunde. Sie kollabieren, sterben den Hitzetod und fallen aus den Baumkronen. Im Jahr 2014 verendeten so an einem einzigen Tag über 40.000 Tiere. Der Klimawandel wirkt sich auf jedes einzelne Tier und jede einzelne Pflanze anders aus. Der Hitzetod der Flughunde liefert dafür ein drastisches Beispiel: Wie gut oder schlecht ein Individuum mit den sich verändernden Umweltbedingungen zurechtkommt, hängt vor allem von seiner genetischen Ausstattung ab. Die genetische Vielfalt einer Tier- oder Pflanzenpopulation hat daher entscheidenden Einfluss auf deren Anpassungsfähigkeit und Verhalten.

Entschlossen handeln

Leider trifft der Klimawandel auf eine Pflanzen- und Tierwelt, die bereits zu großen Teilen mit dem Rücken zur Wand steht. Die aktuelle Krise der biologischen Vielfalt, das sechste Massenaussterben der Erdgeschichte, gäbe es auch ohne ihn. Sie ist das Ergebnis unserer zerstörerischen Art der Landnutzung, der Verwendung von Bioziden, der Verschleppung fremder Pflanzen- und Tierarten und von Jagd, Wilderei und Fischfang.

Lange Zeit hat der Naturschutz vor allem seltene und akut bedrohte Arten im Blick gehabt und dabei das erschütternde ganze Ausmaß der Bedrohung übersehen. Neue Wortschöpfungen wie Defaunation oder Biologische Auslöschung versuchen zu beschreiben, dass uns nicht nur seltene Arten wie die Nördlichen Breitmaulnashörner oder die Pinta-Riesenschildkröten verloren gehen. Die Tierwelt stirbt in ihrer ganzen Breite.

In Europa leben heute 421 Millionen Vögel weniger als noch vor 30 Jahren, ein Rückgang, der vor allem häufige Arten wie Star, Sperling, Lerche und Rebhuhn getroffen hat. EU-weit ist die Zahl der Brutvögel im ländlichen Raum seit 1980 um 57 Prozent zurückgegangen. Es trifft auch die Seevögel, deren globale Population seit 1950 um fast 70 Prozent eingebrochen ist. Der letzte, im Jahr 2020 veröffentlichte Living Planet Report des WWF und der Zoologischen Gesellschaft von London, der sich auf die Überwachung von mehr als 20.000 Populationen unterschiedlicher Wirbeltierarten in der ganzen Welt stützt, stellte einen Rückgang um zwei Drittel seit 1970 fest. In Südamerika und der Karibik beträgt er unfassbare 94 Prozent – ein Rückgang an Individuen wohlgemerkt, nicht an Arten. Auch in oberflächlich intakt wirkenden Regenwäldern Asiens, Afrikas und Südamerikas leben kaum noch Großtiere: Es sind leere Wälder.

Diese für jeden Naturfreund sicherlich niederschmetternde Auflistung ließe sich noch lange fortsetzen. Vom Insektensterben, das die Menschen hierzulande aufschreckte, war zum Beispiel noch gar nicht die Rede. Der Klimawandel spielte und spielt bei alldem nur eine untergeordnete Rolle, das wird sich in Zukunft ändern. Glaubt jemand im Ernst, dass ein derartiger Aderlass ohne Folgen für uns Menschen bleiben wird?

Bislang ist die globale Krise der biologischen Vielfalt weniger ein Artensterben als vielmehr ein Verlust unzähliger Individuen und kleiner Populationen. Dies geht einem Aussterben der Arten voraus. Denn wenn Individuen in so großer Zahl verloren gehen, verschwindet ein großer Teil der vorhandenen genetischen Varianten mit ihnen, der Genpool der Arten wird kleiner. Wir erleben eine dramatische Erosion genetischer Vielfalt. Damit verlieren Tier- und Pflanzenarten, was ihnen in einer klimabedingt sich verändernden Umwelt das Überleben sichern könnte. Klimawandel und Biodiversitätskrise bewegen sich auf verhängnisvolle Weise auf ein an der zu und drohen sich gegenseitig zu verstärken. Klima- und Naturschutz müssen deshalb Hand in Hand gehen. Wir müssen klimaneutral leben und gleichzeitig alles daransetzen, die existierende organismische und genetische Vielfalt zu erhalten, denn sie verleiht den Lebensgemeinschaften Widerstandskraft und Resilienz. Dass wir überhaupt etwas tun können, ist die gute Nachricht. Wäre die Klimakrise die Folge von Vulkanausbrüchen oder dem Einschlag eines Asteroiden, hätten wir wohl keine Chance. Doch da die Probleme von uns selbst verursacht wurden, können wir die Entwicklung beeinflussen. Das Horrorszenario einer biologisch drastisch verarmten Erde ist real, aber es ist kein unausweichliches Schicksal. Die Konzepte, das abzuwenden, liegen auf dem Tisch oder werden diskutiert. Wir müssen nur handeln – entschlossen und rechtzeitig.

Von Ausnahmen wie den Krankheitsüberträgern abgesehen dürfen die range shifts nicht behindert oder gar bekämpft werden, denn sie sind der Versuch von Tier- und Pflanzenarten, in Zeiten eines Klimawandels zu überleben. Deswegen muss vor allem die weitere Zerstückelung der Lebensräume beendet werden. Gerade haben mehr als 100 Länder, darunter auch Brasilien und Russland, in Glasgow beschlossen, die globale Waldvernichtung bis 2030 zu stoppen. Kolumbien, Ecuador, Costa Rica und Panama schaffen vor ihren Küsten ein riesiges Schutzgebiet, das auch den Galapagos-Archipel miteinbezieht, einen »Meereskorridor im östlichen tropischen Pazifik«. Das sind wichtige Signale, denen weitere Schritte folgen müssen.

Rechtzeitiges Handeln hätte übrigens auch die Bramble-Cay-Mosaikschwanzratte retten können. John Woinarski von der australischen Charles Darwin University sieht den Grund für ihr »vorhersehbares und vermeidbares« Aussterben eher in einer chronischen Unterfinanzierung von Naturschutzprogrammen. Man hätte die Tiere einfangen, vermehren und auf einer anderen unbewohnten und weniger gefährdeten Insel wieder aussetzen können. Es habe schlicht der politische Wille gefehlt, sie zu retten. Was hier im Kleinen schiefging, können wir uns im Großen nicht mehr leisten.

Bild des Benutzers ZNadmin
von
ZNadmin

Bernhard Kegel, Jahrgang 1953, ist promovierter Biologe, Jazzgitarrist und Autor mehrerer Bücher über Mikroben, Käfer, Tiere in der Stadt, Epigenetik oder Dinosaurier und ihre Nachfahren (»Ausgestorben, um zu bleiben«). Außerdem schrieb er Romane mit wissenschaftlichem Hintergrund. Sein aktuelles Buch heißt »Die Natur der Zukunft: Tier- und Pflanzenwelt in Zeiten des Klimawandels«